
Über die Psychologie der Verschwörungsleugner
Warum sträuben sich ansonsten absolut intelligente, nachdenkliche und rational denkende Menschen gegen die Behauptung, Soziopathen würden sich verschwören, um sie zu manipulieren und zu täuschen? Und warum verteidigen sie diesen unbegründeten Standpunkt mit solcher Vehemenz?
Aus der Geschichte kennen wir die Machenschaften von Lügnern, Dieben, Tyrannen und Narzissten und deren verheerende Auswirkungen. Auch in der heutigen Zeit gibt es zahlreiche Beweise dafür. Wir wissen ohne Zweifel, dass Politiker routinemässig lügen und ihre Verbindungen verbergen und dass Unternehmen eine völlige Verachtung für moralische Normen an den Tag legen – dass Korruption uns umgibt. Wir wissen, dass aufgrund der Drehtüren zwischen Unternehmen und Politik, Lobbysystem, korrupten Aufsichtsbehörden, Medien und Justiz Missstände praktisch nie vor Gericht gebracht werden. Wir wissen, dass die Presse zwar gelegentlich über diese Dinge berichtet, sie aber nie konsequent verfolgt. Wir wissen, dass bei Geheimdiensten und Strafverfolgungsbehörden Fehlverhalten in atemberaubendem Ausmass an der Tagesordnung ist und dass auch hier nie Gerechtigkeit geübt wird. Wir wissen, dass Regierungen immer wieder die Rechte des Volkes ignorieren oder mit Füssen treten und das Volk aktiv missbrauchen und misshandeln. Nichts davon ist umstritten.
Was genau ist es also, das Verschwörungsleugner mit solcher Inbrunst, Selbstgerechtigkeit und Herablassung abwehren? Warum verteidigen sie entgegen allen Beweisen so vehement die bröckelnde Illusion, dass «die Grossen» da oben alles im Griff haben, nur unser Bestes im Sinn haben und gewissenhaft, weise, aufrichtig und «gut» sind? Dass die Presse dem Volk und der Wahrheit dient und nicht den Gaunern? Dass eine Ungerechtigkeit nach der anderen aus Irrtümern und Versehen resultiert und niemals aus dem gefürchteten Wort «Verschwörung»? Welcher vernünftige Mensch würde weiterhin in einer solchen Fantasiewelt leben?
Verbrechen ja – aber doch nicht im grossen Stil
Jemand, der wirklich neugierig auf die Pläne mächtiger Soziopathen ist, wird seine Neugierde nicht auf ein Unternehmen oder eine Nation beschränken. Warum sollte er das tun? Man muss doch davon ausgehen, dass die gleichen Muster, die sich im Kleinen zeigen, wahrscheinlich auch in der gesamten Nahrungskette der Macht zu finden sind. Verschwörungsleugner behaupten jedoch, dies sei absurd. Warum?
Es ist schmerzlich offensichtlich, dass die pyramidalen gesellschaftlichen und rechtlichen Strukturen, die die Menschheit hat entstehen lassen, genau die Art von Dominanzhierarchien sind, die den Soziopathen zweifelsohne begünstigen. Ein Mensch, der mit einer normalen und gesunden kooperativen Denkweise arbeitet, hat wenig Neigung, sich an den Kämpfen zu beteiligen, die notwendig sind, um eine unternehmerische oder politische Karriereleiter bis ganz oben zu erklimmen.
Was also stellen sich die Verschwörungsleugner vor, was die 70 Millionen oder mehr Soziopathen auf der Welt den ganzen Tag tun, die in ein «Spiel» hineingeboren wurden, in dem der ganze Reichtum und die ganze Macht an der Spitze der Pyramide warten, während die effektivsten Eigenschaften zum «Gewinnen» Rücksichtslosigkeit und Amoralität sind? Haben sie noch nie Monopoly gespielt?
Soziopathen wählen ihre Weltsicht nicht bewusst und sind einfach nicht in der Lage zu verstehen, warum normale Menschen sich selbst einen so unglaublichen Nachteil zufügen, indem sie sich mit Gewissenhaftigkeit und Empathie einschränken. Dies ist für den Soziopathen so unverständlich wie eine Welt ohne Gewissenhaftigkeit und Empathie für einen gesunden Menschen. Alles, was der Soziopath tun muss, um in diesem Spiel zu gewinnen, ist, öffentlich zu lügen und gleichzeitig privat zu konspirieren. Was könnte einfacher sein? Heutzutage weiterhin zu glauben, dass die Welt, in der wir leben, nicht grösstenteils von dieser Dynamik bestimmt wird, ist mehr als naiv; es grenzt an Wahnsinn. Woher kommt dieser letztlich zerstörerische Impuls?
Wem vertrauen wir und wieso?
Das Kleinkind setzt ein angeborenes Vertrauen in die Menschen, mit denen es zusammen ist – ein Vertrauen, das in den meisten Fällen gerechtfertigt ist. Anders könnte der Säugling nicht überleben.
In einer vernünftigen und gesunden Gesellschaft würde sich dieser angeborene Vertrauensimpuls, der ein zentrales Bedürfnis der Psyche ist, zusammen mit dem Selbstbewusstsein, den kognitiven und logischen Fähigkeiten und dem individuellen Skeptizismus weiterentwickeln. Es gäbe gemeinsame Glaubenssysteme, um diesen tiefen Instinkt bewusst zu platzieren – in Werten und Überzeugungen von dauerhafter Bedeutung für das Individuum und die Gesellschaft: beispielsweise in Ehrfurcht und Respekt vor der Tradition, den Naturkräften, den Vorfahren, der Vernunft, der Wahrheit, der Schönheit, der Freiheit, dem inhärenten Wert des Lebens … Ich glaube, dass das Entwickeln und Kultivieren eines reifen Glaubens eine grosse Verantwortung ist – der sich viele verständlicherweise nicht bewusst sind.
Denn was geschieht nun, wenn es in uns ein kindliches Bedürfnis gibt, das sich nie über seine ursprüngliche Überlebensfunktion hinaus entwickelt hat, nämlich denjenigen in unserer Umgebung zu vertrauen, die einfach am mächtigsten, am präsentesten und am aktivsten sind? Wenn wir nie wirklich unsere eigene Psyche erforscht und gründlich hinterfragt haben, was wir wirklich glauben und warum? Wenn wir schon unsere Motivation, etwas oder jemandem zu vertrauen, niemals hinterfragt haben …?
Ich behaupte, die Antwort ist einfach: Der angeborene Impuls, der Mutter zu vertrauen, entwickelt sich nie weiter, trifft nie auf sein Gegengewicht – die Vernunft oder den reifen Glauben –, und bleibt für immer auf seiner kindlichen «Standardeinstellung». Auch wenn das eigene Wohlergehen für die unreife Psyche nicht mehr von den Eltern abhängt, bleibt der mächtige Grundgedanke intakt, unangefochten, unüberlegt und unentwickelt. Und in einer Welt, in der Stabilität und Sicherheit nur noch eine ferne Erinnerung sind, bleiben diese Überlebensinstinkte, anstatt gut ausgeprägt, überlegt und anspruchsvoll zu werden, im wahrsten Sinne des Wortes die eines Babys. Man vertraut auf die grösste, lauteste, präsenteste und unbestreitbarste Kraft, denn der Instinkt sagt, dass das Überleben davon abhängt.
Und was ist in diesem grossen «Weltkindergarten» die omnipräsenteste Kraft? Es ist das Netz der Institutionen: Sie vermitteln Macht, Ruhe, Kompetenz, Besorgnis und Stabilität. Doch dies natürlich völlig zu Unrecht.
Mama und Papa hinter der verschlossenen Tür
Meines Erachtens ist dies der Grund, warum sich Verschwörungsleugner an diese unlogische Vorstellung klammern und sie aggressiv verteidigen, wonach Korruption, Betrug, Bosheit und Narzissmus oberhalb einer bestimmten Ebene der gesellschaftlichen Hierarchie auf irgendeine mysteriöse Weise einfach verschwinden. Und entgegen jeglicher Lebenserfahrung glauben, eine Person würde, je mehr Macht sie hat, zwangsläufig umso mehr Integrität an den Tag legen.
Diese armen verblendeten Seelen glauben im Grunde, dass dort, wo es eine verschlossene Tür gibt – nämlich dort, wo persönliche Erfahrung und Vorwissen die Lücken in ihrem Weltbild nicht füllen können –, Mama und Papa dahinter stehen und sich überlegen, wie sie am besten dafür sorgen können, dass es ihrem kleinen Schatz immer gut geht und er sicher und geborgen ist.
Dies ist der Kern, die tröstende Illusion, die der Denkweise der Verschwörungsleugner zugrunde liegt, das wacklige Fundament, auf dem sie eine turmhohe Rechtfertigungsburg errichten, von der aus sie diejenigen, die das anders sehen, verhöhnen und verspotten. Das erklärt, warum der Verschwörungsleugner jede Andeutung angreift, dass der betreuende Archetyp nicht mehr vorhanden ist – und hinter der verschlossenen Tür stattdessen Soziopathen stehen, die uns alle verachten oder völlig ignorieren. Der Verschwörungsleugner wird jede solche Andeutung so verbissen bekämpfen, als ob sein Überleben davon abhinge – was angesichts seiner instabilen psychischen Ausgangslage gewissermassen auch stimmt. Sein Wohlbefinden, sein Sicherheitsgefühl, sein Komfort, seine Zukunftsaussichten überhaupt, sind vollständig in diese Fantasie verwickelt. Der Säugling ist sich nur dessen bewusst, dass seine persönliche Sicherheit zutiefst damit verbunden ist, daher wird er jede Bedrohung dieses unbewussten und zentralen Aspekts seiner Weltsicht erbittert angreifen.
Der ermüdend häufig repetierte Refrain der Verschwörungsleugner lautet: «Eine so grosse Verschwörung kann es doch nicht geben.» Darauf können wir jeweils einfach entgegnen: Wie gross muss sie denn sein? Die grössten «medizinischen» Unternehmen der Welt können jahrzehntelang die Beilegung von Gerichtsverfahren als blosse Geschäftskosten abtun, für Verbrechen, die von der Unterdrückung unerwünschter Nebenwirkungen über mehrfache Morde infolge unzulänglicher Tests bis hin zu kolossalen Umweltsünden reichen. Regierungen führen die abscheulichsten «Experimente» an ihrer eigenen Bevölkerung durch, ohne dass dies je Konsequenzen hat. Politiker lügen uns gewohnheitsmässig ins Gesicht, ohne Konsequenzen. Und so weiter und so fort. Ab welchem Punkt wird denn eine Verschwörung so gross, dass «so etwas gar nicht möglich ist», und warum?
Ich vermute, es ist der Punkt, an dem die kognitiven Fähigkeiten der Verschwörungsleugner aussetzen und ihr unbewusster Überlebensinstinkt einsetzt. Der Punkt, an dem der Intellekt von der Tragweite der Ereignisse überwältigt wird und der Instinkt dazu führt, dass man sich in den vertrauten, beruhigenden Glauben zurückzieht, den man seit dem Moment kennt, in dem die eigenen Lippen die Brustwarze fanden. Der Glaube, dass sich jemand anderes darum kümmert – dass dort, wo die Welt uns unbekannt wird, eine mächtige und wohlwollende menschliche Autorität existiert, der wir nur bedingungslos vertrauen müssen, damit unsere emotionale Sicherheit auf ewig gewährleistet bleibt. Diese gefährliche Wahnvorstellung könnte der zentrale Faktor sein, wieso viele ihr körperliches Wohlergehen und die Zukunft der Menschheit in die Hände von Soziopathen legen.
Vertrauen ist Macht
An alle, die die Angewohnheit haben, Menschen, die hinterfragen, nachforschen und skeptisch sind, als aluhuttragende, paranoide, wissenschaftsfeindliche Trump-Anhänger abzutun, sei die Frage gerichtet: Woran glaubst du? Und warum? Wie kommt es, dass du den Global-Governance-Organisationen blindes Vertrauen schenkst? Diese Institutionen sind ja nichts anderes als grössere Erscheinungsformen der lokalen Regierungen, von denen wir schon wissen, dass wir ihnen nicht trauen können. Sie sind nicht unsere Eltern. Sie haben sich nicht humanen Werten verpflichtet. Der einzige Grund, wieso du ihnen Glauben schenkst ist, weil sie dein Vertrauen mit PR-Geldern und Hochglanzlügen gewonnen haben.
Es gibt einen guten Grund, warum Buddhisten – und andere Glaubenssysteme sagen Ähnliches – ausdrücklich dazu raten, sein Vertrauen in das Dharma, das Naturgesetz des Lebens zu setzen und nicht in Personen: weil Macht korrumpiert. Und in der heutigen Welt könnte blindes Vertrauen eine der grössten Quellen der Macht überhaupt sein.
Es gibt gewaltige kriminelle Verschwörungen. Die Beweise dafür sind überwältigend. Das gegenwärtige Ausmass ist nicht bekannt, aber es gibt keinen Grund, wieso das soziopathische Machtstreben im Zeitalter des Globalismus abnehmen sollte. Umso weniger, solange abweichende Meinungen von Gatekeepern und «nützlichen Idioten» verhöhnt und zensiert werden, die diejenigen angreifen, die das Unrecht aufdecken wollen. Es ist die dringende Verantwortung jedes Menschen, soziopathische Agenden aufzudecken, wo immer sie existieren. Es ist höchste Zeit, kindische Impulse abzulegen und als Erwachsene aufzustehen, um die Zukunft der Kinder zu schützen, die keine andere Wahl haben, als uns ihr Leben anzuvertrauen.
Ich halte das Phänomen, das ich hier beschrieben habe, für den stärksten psychologischen Antrieb der Verschwörungsleugnung. Es gibt sicherlich noch andere: etwa das Bedürfnis nach Akzeptanz; die Vermeidung von Wissen über und die Auseinandersetzung mit dem eigenen Schatten; die Aufrechterhaltung des eigenen Selbstbildes; eine Verallgemeinerung des Phänomens des «fliegenden Affen», bei dem sich eine egoistische und tückische Klasse schützt, indem sie sich um den Tyrannen schart; die subtile unbewusste Übernahme der soziopathischen Weltsicht (beispielsweise die Annahme «Die Menschheit ist das Virus»); Empörungssucht, Überlegenheitskomplexe, Statusspiele; ein Mangel an intellektuellem Ehrgeiz; dissoziative Schutzmechanismen, beispielsweise die Vorstellung, dass schreckliche Verbrechen, die sich immer wieder ereignen, irgendwie nicht jetzt, nicht «hier» geschehen. Und zu guter Letzt: stinknormale, altbekannte Faulheit und Feigheit.
***
Nemo Jones ist ein enthusiastischer Naturrechtler, Autor und Musiker. Auf seinem Substack-Blog Reporting for Beauty schreibt er über Vernunft, Freiheit und Schönheit. Der englische Originalartikel erschien 2021 im OffGuardian. Neu übersetzt von Christian Schmid Rodriguez.
Hat dir der Artikel gefallen? Dann bestelle jetzt ein Abo in unserem Shop!
Deine Meinung ist uns wichtig: Teile dich mit und diskutiere im Chat mit unseren Lesern.