Das Unaussprechliche
Warum unsere Gesellschaft bei organisierter Gewalt wegschaut
Die Enthüllungen über das Netzwerk des US-Finanziers Jeffrey Epstein haben weltweit Entsetzen ausgelöst. Prominente Namen, geheime Treffen, Vorwürfe systematischer sexueller Ausbeutung – vieles davon wirkt wie ein düsterer Thriller. Für die Traumatherapeutin Michaela Huber ist der Epstein-Skandal jedoch nur das sichtbar gewordene Symptom eines viel grösseren Problems.
Michaela Huber gehört zu den bekanntesten Traumatherapeutinnen im deutschsprachigen Raum. Die Diplom-Psychologin, Psychotherapeutin und Ausbilderin hat an der Entwicklung moderner Traumatherapie in Deutschland mitgewirkt, internationale Ausbildungsprogramme aufgebaut und zahlreiche Fachbücher veröffentlicht. Für ihr Engagement wurde sie unter anderem mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Seit über 30 Jahren arbeitet Huber mit Menschen, die extreme Formen von Gewalt erlebt haben. Viele von ihnen berichten von Strukturen, in denen Kinder systematisch missbraucht und ausgebeutet werden. Für Michaela Huber zeigt der Fall Epstein vor allem, dass organisierte Ausbeutung massiv unterschätzt wird.
Gewalt in organisierten Strukturen
Nach Hubers Erfahrung gibt es unterschiedliche Ebenen von Täterstrukturen. In vielen Fällen beginnt Gewalt bereits im familiären Umfeld. Kinder, die dort missbraucht werden, geraten später häufig auch in grössere Kreise, in denen sie weitergegeben oder gezielt rekrutiert werden. Sexualisierte Gewalt an Kindern ist nach Einschätzung vieler Fachleute längst ein globaler Milliardenmarkt. Täter nutzen bestehende Abhängigkeiten, organisieren Kontakte und profitieren von der Tatsache, dass Opfer meist kaum Möglichkeiten haben, sich zu wehren.
Einige Betroffene berichten davon, über Jahre hinweg missbraucht und für bestimmte Rollen oder Situationen «trainiert» worden zu sein. Nach aussen führen sie dabei häufig ein scheinbar normales Leben – besuchen Schule oder Ausbildung, haben Freunde, wirken unauffällig.
Leben mit zwei Realitäten
Wie ist ein solches Doppelleben möglich? Huber verweist auf einen psychischen Schutzmechanismus, der in der Traumaforschung gut bekannt ist: Dissoziation. Dabei werden Erinnerungen, Gefühle oder Wahrnehmungen voneinander abgespalten. Besonders bei schwer traumatisierten Menschen kann dieser Mechanismus so stark ausgeprägt sein, dass verschiedene Lebensbereiche getrennt erlebt werden. Für Betroffene ist das oft eine Überlebensstrategie. Extreme Gewalt kann sonst psychisch kaum verarbeitet werden. Viele berichten ausserdem von massiver Einschüchterung. Drohungen gegen sie selbst oder gegen Angehörige sollen verhindern, dass sie über das Erlebte sprechen. Gleichzeitig wird ihnen häufig eingeredet, sie selbst seien schuld an dem, was passiert ist. Diese Kombination aus Angst, Manipulation und Traumatisierung führt dazu, dass viele Opfer über Jahre oder sogar Jahrzehnte schweigen.
Das Problem der Glaubwürdigkeit
Wenn Betroffene schliesslich doch sprechen, stossen sie nicht selten auf Skepsis. Besonders Berichte über organisierte Gewalt werden häufig infrage gestellt. Huber führt diese Reaktionen darauf zurück, dass diese Grausamkeiten das menschliche Vorstellungsvermögen übersteigen. Doch die Betroffenen nicht für glaubwürdig zu halten, ist problematisch. In der klinischen Praxis gebe es zahlreiche Methoden, um die geschilderten Erfahrungen zu überprüfen. Rund 90 Prozent gehen tatsächlich auf extreme Gewalt zurück. Auch die Übereinstimmung der Schilderungen von Betroffenen, die sich nicht abgesprochen haben können, deuten auf wahre Begebenheiten hin.
Die meisten Betroffenen hätten bereits lange vor ihrem Outing eine Geschichte schwerer psychischer Belastungen: Klinikaufenthalte, Selbstverletzungen, Essstörungen oder Suizidversuche. Für Fachleute seien solche Muster wichtige Hinweise auf tiefgreifende Traumatisierungen. Studien unter Therapeutinnen und Therapeuten zeigen zudem, dass die Glaubwürdigkeit der Betroffenen in der überwiegenden Mehrheit der Fälle als hoch eingeschätzt wird.
Schwierige Ermittlungen, neue Herausforderungen
Ein weiteres Problem liegt im juristischen Bereich. Organisierte Gewaltstrukturen sind schwer nachweisbar. Häufig fehlen Zeugen oder dokumentierbare Beweise, weil Taten im Verborgenen stattfinden. Hinzu kommt, dass Strafverfahren in der Regel auf konkrete Einzeltaten ausgerichtet sind. Wenn jedoch mehrere Täter beteiligt sind oder Gewalt über lange Zeiträume hinweg stattfindet, wird die Beweisführung extrem kompliziert. Viele Verfahren scheitern deshalb schon in einem frühen Stadium.
Während traditionelle Täterstrukturen weiterhin existieren, entstehen gleichzeitig neue Formen der Ausbeutung. Das Internet ermöglicht es Tätern, Kinder direkt anzusprechen, Vertrauen aufzubauen und sie anschliessend unter Druck zu setzen. Online-Erpressung, intime Bildaufnahmen oder manipulative Beziehungen gehören inzwischen zu den häufigsten Formen digitaler Gewalt gegen Minderjährige. Für Fachleute stellt diese Entwicklung eine enorme Herausforderung dar – sowohl für die Prävention als auch in der Strafverfolgung.
Ein gesellschaftliches Tabu
Warum das Thema dennoch selten im Mittelpunkt öffentlicher Debatten steht, erklärt Huber mit einem grundlegenden gesellschaftlichen Mechanismus: Verdrängung. Sexualisierte Gewalt an Kindern gehört zu den verstörendsten Themen überhaupt. Viele Menschen möchten sich schlicht nicht vorstellen, dass solche Dinge tatsächlich geschehen könnten.
Dieser Reflex kann jedoch dazu führen, dass Betroffene nicht ernst genommen werden. Auch Fachleute, Journalisten oder Aktivisten, die sich intensiv mit dem Thema beschäftigen, geraten mitunter selbst in die Kritik. Gerade deshalb hält Huber öffentliche Aufmerksamkeit für entscheidend. Eine offene gesellschaftliche Diskussion sei notwendig, um Gewaltstrukturen überhaupt sichtbar zu machen. Denn solange über solche Themen nicht gesprochen wird, bleibt vieles im Verborgenen. Und genau darauf sind Täter angewiesen.
Indem wir nicht länger wegschauen und Licht in eines der dunkelsten Kapitel der Menschheit bringen, unterstützen wir einen möglichen Wandel.
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Milena Preradovic ist Journalistin und Moderatorin, früher RTL, SAT1, n24 und ServusTV. Seit Februar 2020 betreibt sie ihren Kanal Punkt.Preradovic, auf dem sie kluge Köpfe zu aktuellen Themen interviewt. Das Interview mit Michaela Huber finden Sie auf punkt-preradovic.com.
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