Vom Mythos der westlichen Schuld

Gefangen in einer Ethik der Tabus und der Kontaktschuld: In seinem neuen Buch «Der alte weisse Mann – Sündenbock der Nation» erklärt Norbert Bolz, warum der Ruf nach Gleichheit weder Gerechtigkeit noch Freiheit zur Folge haben wird. Denn wo die Überempfindlichkeit und Wehleidigkeit von Minderheiten die Debatte tyrannisiere, sei die Verteufelung von Andersdenkenden bereits Teil des Systems.

Sie ist die letzte grosse Erzählung, die den Fanatikern und Moralisten dieser Welt noch geblieben ist: die Erzählung von der weissen Schuld. Gross geworden in einer zusehends säkularen Welt ist es nun an ihr, das spirituelle Vakuum zu schliessen, in das die Errungenschaften der Moderne den Menschen einst stiessen. Seit ihrem radikalen Bruch mit der religiösen Tradition ist es nicht mehr das Menschsein, sondern das «Weisssein» als solches, von deren Erbsünde sich «der alte weisse Mann» – und damit jeder, der seine Gesinnung teilt – allein durch Gehorsam und Selbstgeisselung befreien kann. Es ist die Perversion der westlichen Selbstkritik. Und damit der Anfang vom Ende jeder historischen Wahrheit.

Das falsche Leben im Falschen

Alt, weiss, männlich: für den deutschen Medien- und Kommunikationstheoretiker Norbert Bolz der Inbegriff europäischer Tradition und damit das Sinnbild von Naturbeherrschung, Selbstbehauptung, Heldentum, Freiheitsdrang, Wettkampf, Stolz, Risikobereitschaft, Mut zur Selbstständigkeit, Individualität, Exzellenz. Bis jetzt. Denn gab es einst für einen «guten Europäer» nichts Wertvolleres als die Rede- und Meinungsfreiheit, steht heute nicht mehr die abweichende Meinung, der Dissens, im Zentrum der Redefreiheit, sondern die Angst, sich mit der eigenen Meinung zu isolieren. Wer heute das Wort «Individuum» benutzt, weckt nicht nur den Verdacht, gegen den heiligen Geist der Gruppe zu sündigen – indem er sich zu eben jener Tradition der Aufklärung bekennt, fällt er in die Ungnade all derer, die sich dazu entschlossen haben, in der Unwahrheit zu leben.

Dabei geht es genau darum: nicht um Wahrheit, sondern um das Gefühl von Wahrheit. In «Der alte weisse Mann» analysiert Norbert Bolz beinahe gnadenlos, wie sich der Westen aus Ermangelung an Selbstbehauptung sowie Unfähigkeit, «andere Kulturen nicht nur in ihrer Eigenart zu respektieren, sondern überhaupt auch nur zu verstehen», dadurch selbst zugrunde richtet, dass er sein eigenes historisches Bewusstsein leugnet. «Rationalität, Fortschritt und Wahrheit» als Herrschaftsbegriffe der westlichen Kultur gelten fortan nicht mehr als Erbe der Aufklärung, sondern als Zeichen für Unterdrückung.

Ab dem Zeitpunkt, schreibt Bolz, wo die Medien aufgehört hätten, sachlich zu informieren, und stattdessen moralisch zu kontrollieren, habe die Emanzipation der Vernunft uns der öffentlichen Meinung versklavt. Oder anders gesagt: «Selbstentblössung als Endform der Aufklärung» ist in einer «Praxis der Selbstgeisselung» verkommen. Verbreitet durch die Echokammern viraler «Verbalexorzismen», ist es den Medien gelungen, im Verschmelzen von Information und Meinung eine «öffentliche Meinung» zu fabrizieren, von der fast alle glauben, dass sie alle teilen. Getarnt als «Propaganda der Gutmenschen» produziert diese eine totalitäre Gesellschaft, in der jeder Abweichende und Andersdenkende umerzogen werden muss. Es herrscht Rousseau, nicht mehr Marx. Und so dient die «Heuchelei von Bussritualen» nicht nur dazu, einen «Mangel an Begabung durch die richtige Gesinnung» zu kompensieren, sondern auch jeden Skeptiker als Leugner zu bezeichnen, der sich an der dogmatischen Wahrheit versündigt hat.

Im Bann der «Gewissensmelker»

Diese Selbsterniedrigung als Antwort auf das Gefühl von Kontrollverlust in einer immer uneindeutlicher werdenden Welt bezeichnet Norbert Bolz als «reaktionären Tribalismus», bei deren Anhängern es sich nicht um politische, sondern um psychische Probleme handelt: Begründet durch Verschmelzungstendenzen und einem Mangel an Abgrenzungsvermögen tendiert der «woke» Mensch dazu, jedes Problem im Aussen zum Eigenen machen zu müssen. Die «Tyrannei der Wehleidigen» habe eine Daueremotionalisierung hervorgebracht, in deren Irrationalität so wie immer grösser werdenden «Treibhäusern der Weltfremdheit» die verfeindeten Parteien zu keinerlei Gespräch mehr fähig sind. Vielmehr sei es laut den Trainingscamps für «sensitivity» und «awareness» der «woken» Linke richtig, bestimmte Gedanken zu tabuisieren. Nicht weil sie falsch sind, sondern weil es unakzeptabel ist, dass man sie denkt. Hier gilt: Wer das Monopol der richtigen Wörter hat, entscheidet, was rassistisch, sexistisch und transphob ist.

Laut Norbert Bolz haben wir es hier mit «einer völlig neuen Form der Legitimation zu tun: Selbstrechtfertigung durch Selbstbezichtigung. Das extreme Schuldgefühl der westlichen Welt manifestiert sich als Kollektivneurose.» Nicht nur wird die Geschichte zur «Therapie für Minderheiten» verkehrt – die «Wokeness» untergräbt den Begriff der Wahrheit an sich: Indem sie Wahrheit und Wirklichkeit zu rein sozialen und allein durch Sprachpolitik bestimmbare Konstruktionen degradiert, verneint sie Universalitäts- und Objektivitätsansprüche. Das einzige Problem: «Nur wer selbstbewusst ist, kann auch offen sein. Wer keine eigenen Werte zu verteidigen hat, kann auch nicht tolerant sein. Pauschale Toleranz nimmt die anderen nicht ernst.»

Kurzum: Nicht nur erkennt der Relativismus keine absoluten Werte mehr an, er zerstört Toleranz, Pluralismus und schliesslich auch Gedankenfreiheit. Wo es nicht mehr darum geht, den anderen zu verstehen, geschweige denn, sich anzunähern, greift Herbert Marcuses Begriff der «repressiven Toleranz»: Um die eigene Wahrheit zu verkünden, wird denjenigen, die widersprechen, der Mund verboten. Gefühle verdrängen die Argumente, es dominieren Hass und Wut. Was in diesen Momenten greift, nennt sich, so Bolz, «Abweichungsverstärkung». Sie sei das Geheimnis jedes Fanatismus: An die Stelle von Freiheit und Verantwortung sind Gleichheit und Fürsorge getreten, wobei Gleichheit nicht Chancengleichheit, sondern Ergebnisgleichheit meint.

Die Welt nehmen, wie sie ist

Von Betroffenheit und Angst zurück zu Argument und Konsens: Neben der Lust auf eine bessere Debattenkultur infolge von «männlicher» Selbstbehauptung, ist das Gefühl und der Ansporn, den Norbert Bolz´ Lobrede auf den kantianischen Mut, selber zu denken, zurücklässt, wieder lernen zu wollen, den anderen zu verstehen. Und damit nicht genug: Die bereits von Hegel vorausgesetzte Geistesmacht, dem Negativen ins Angesicht zu schauen, bei ihm zu verweilen, veranlasst zur Frage, worauf diese rousseauische Umerziehung wirklich abzielt? Wenn es um «die demokratische Nivellierung der Geschlechterdifferenz» (also Gleichberechtigung) am Ende gar nicht geht, was steckt dann dahinter, Männer zu verweichlichen, ihnen Stolz und Ehrgeiz auszutreiben und gleichzeitig Frauen so weit zu «emanzipieren», dass sie in ihrer Imitation der männlichen Sexualität ihren Mutterinstinkt verdrängen? Wenngleich Bolz auf diese Fragen auch keine klare Antwort zu geben vermag, ist sein Buch ein Appell an jeden, der – frei nach Søren Kierkegaard – keine Angst davor hat, ein Einzelner zu sein, sondern den Mut dahingehend aufbringt, die Welt so zu nehmen, wie sie ist. ♦

von Lilly Gebert


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