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Schwellenzeiten – Wandelzeiten

Wandlungen und Krisen verunsichern uns, lähmen uns, machen Angst. In einer Welt, in der die Zahl der Krisen gefühlt zunimmt, erscheint auch die Sicherheit des eigenen Lebens brüchig. Kommt dann noch eine persönliche Krise hinzu, spüren wir häufig keinen Boden mehr unter den Füssen.

Das muss nicht sein und führt uns oft in die Irre. Denn solche Schwellenzeiten sind zugleich Momente, in denen etwas Neues im Leben beginnen kann. Sie fordern uns heraus, unsere Werte und Prioritäten zu überprüfen: Was trägt noch? Was ist mir wirklich wichtig? Wer sind die Menschen, die für mich da sind? Wie will ich mein Leben leben?

All das sind Fragen, die insbesondere in Schwellenzeiten auftauchen. Also in Zeiten, in denen wir auf einer Schwelle stehen. Wir stehen zwischen dem Vertrauten, das nicht mehr da ist, und dem Neuen, das noch nicht da ist. …

Das Wort Schwellenzeit fühlt sich für mich anders an als das Wort Krise. Krise. Was macht dieses Wort mit dir? Welche Gefühle entstehen beim Lesen? Wie fühlt sich dein Körper an, wenn du Krise denkst? Mein Körper zieht sich im Schulter- und Brustbereich zusammen, wenn ich an Krise denke. Es fühlt sich eng an, ich spüre Angst – und habe gleichzeitig das Gefühl, direkt reagieren, eine Lösung finden, etwas tun zu müssen.

Das Wort Schwellenzeit hingegen lässt in mir das Bild einer Landschaft entstehen. Wellenförmig breitet sie sich vor mir aus. Meine Brust wird weit und ich spüre eine leichte Angst, aber auch eine Vorfreude und Neugierde. Die Vorfreude ist vor allem auf das bezogen, was ich noch nicht benennen kann. Ausgelöst durch die Ahnung davon, dass da etwas Neues in mein Leben kommen wird. Neugierde, weil es sich wie ein unbestelltes Land anfühlt. Ich habe keine Ahnung, was in diesem Land wächst, wer dort wohnt, was dort passiert. Es ist wie ein weisser Fleck auf der Landkarte, den ich selbst befülle. Angst, weil ich nicht weiss, was mich dort erwartet. In jedem Fall entsteht Raum. In mir und durch das Bild, das sich in meinem Inneren zeigt. …

Schwellenzeiten begleiten Umbrüche im Leben

Schwellenzeiten an sich sind neutral. Auch mit der Geburt eines Kindes, mit einer Heirat, einem gewollten Jobwechsel oder einem bewussten Umzug betrittst du eine Schwellenzeit.

Dein altes Leben, so wie es vorher war, gibt es nicht mehr. Der grosse Unterschied ist hier: Du hast dir diese Veränderung in deinem Leben selbst ausgesucht. Du wolltest das Kind, die Hochzeit, den neuen Job oder das Wohnen an einem neuen Ort. Bei Schwellenzeiten, die wir gewollt haben, gehen wir meist freudig, mit Leichtigkeit und zupackend auf die Veränderung zu – wir sehnen sie herbei und können vielleicht gar nicht erwarten, dass sie endlich eintritt. Ein mulmiges Gefühl, Angst, wie das Neue wohl wird, haben wir vielleicht auch – aber im Vergleich zur Vorfreude sind sie gering und die freudige Erwartung auf das Kommende trägt uns vorwärts.

Anders ist es mit Schwellenzeiten, die wir nicht gewollt oder geplant haben. Sie brechen über uns herein, verändern unser Leben – ohne dass wir es verhindern können. Mit ihnen kämpfen wir, versuchen sie zu ignorieren, wollen sie schnell hinter uns bringen oder aus unserem Leben weghaben. Wir erleben sie ganz anders als die Schwellenzeiten, die wir selbst initiiert haben. Ob eine Schwellenzeit als gut oder schlecht, als leicht oder herausfordernd empfunden wird, liegt letztlich also daran, wie wir selbst auf diese Schwellenzeit blicken, an unserer inneren Haltung dazu. …

Jetzt könnte man natürlich sagen: Tod, schwere Krankheit und Trennung sind grosse Schwellenzeiten. Umzug, spirituelle Suche, Beginn der Wechseljahre sind kleine Schwellenzeiten. Doch so einfach ist es nicht. Es lässt sich noch nicht einmal sagen, dass eine schwere Krankheit unbedingt eine Schwellenzeit sein muss, die jemand rundherum ablehnt oder die ihn an den Rand der Verzweiflung bringt. Auch wenn von aussen betrachtet alles so aussieht, als würde dieser Mensch gerade die schlimmste Zeit seines Lebens erfahren, muss das für ihn nicht so sein.

Ein Magengeschwür hätte nicht gereicht

Margret hat vor einigen Jahren in eine Firma investiert. Sie hat diese als Start-up Unternehmen mit einem Freund zusammen aufgebaut. Obwohl sie schon bei der Firmengründung für einen Moment ein ganz schlechtes Gefühl hatte, hat sie Ja gesagt. Doch die Probleme in der Firma hören nicht auf. Margret weiss nicht, was sie tun soll. Aufhören ist keine Option für sie. Sie fühlt sich verantwortlich.

Auch ihr privates Umfeld ist fordernd und auch hier fühlt sie sich verantwortlich. Als sie mit starken Bauchschmerzen ins Krankenhaus eingeliefert wird, die Diagnose: Darmverschluss. Es erfolgt eine Not-Operation und sie überlebt. Danach eröffnen ihr die Ärzte, was den Darmverschluss verursacht hat: Darmkrebs.

Margret sagt: Nie wäre ich den Schritt aus der Firma gegangen, wenn die Diagnose nicht so heftig gewesen wäre. Ein Magengeschwür hätte nicht gereicht. Ich brauchte diese heftige Krankheit, um aufzuwachen und meinen Weg zu verändern. Sie wird nach einer weiteren Operation wieder gesund, verkauft ihren Anteil an der Firma, steigt aus, zieht in die Stadt, die sie schon viele Jahre anzieht. Sie beginnt ihren ganz eigenen, neuen Weg und hört endlich auf ihre innere Stimme. Damals, sagt Margret heute, hätte sie verstanden, dass wenn sie gestorben wäre, die anderen immer noch da gewesen wären. Und dass deshalb sie an erster Stelle in ihrem Leben stehen müsse. Nur sie könne gut für sich sorgen und wisse, was sie wirklich brauche und wolle in ihrem Leben.

Dieses Beispiel zeigt, dass es sich nicht von aussen beurteilen lässt, wie jemand seine eigene Schwellenzeit erlebt. Es gibt kein Schema, in das Schwellenzeiten eingeordnet werden können. Jeder erlebt seine Schwellenzeit anders. Ob schwierig und herausfordernd, ob leicht und gut zu nehmen oder als lebensnotwendig – das weisst nur du allein. Niemand von aussen kann zu dir sagen: Das ist doch nicht so schlimm – und niemand kann sagen: Das ist doch schlimm. Nur dein Empfinden zählt. Denn es geht um dein Leben.

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Dieser Beitrag beruht auf Auszügen aus Sabrina Gunderts Buch «Schwellenzeiten – Wandelzeiten», 2024, 240 Seiten, Neue Erde Verlag.
schwellenzeiten.ch

Sabrina Gundert ist Unternehmerin, Autorin, Sprecherin, Journalistin und Dozentin und Coach spezialisiert auf Ritualarbeit, Prozessbegleitung und Arbeit in und mit der Natur.
sabrinagundert.ch


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