Radikale Vergebung und ich

Über Vergebung wurde viel geschrieben, als der Gipfel des Corona-Betrugs überwunden war. Ich fand damals, dass es ohne Einsicht der Täter keine Vergebung geben kann. Dass diese Einsicht nicht erfolgen wird, liegt auf der Hand. Die Schlussfolgerung aber ist schwerwiegend: Wer auf Einsicht beharrt, hat keine Aussicht auf Vergebung. Wie traurig.

Ein Jahr später empfahl mir mein Gesangslehrer ein Buch mit dem Titel «Ich vergebe». Colin Tipping beschreibt darin sein Konzept der radikalen Vergebung. Das fand ich interessant, nicht nur wegen meiner unverarbeiteten Emotionen gegenüber meinen Mitmenschen, was den Corona-Betrug betrifft, sondern auch wegen manch anderem Groll, den ich unnötig mit mir herumtrage. Denn ganz ehrlich, wann hat herkömmliche Vergebung jemals funktioniert?

Schwamm drüber?

Herkömmliche Vergebung geht etwa so: «Du hast mir Unrecht getan, aber ich will dir jetzt nicht mehr böse sein und wir wollen jetzt vorwärtsschauen und was geschehen ist, kann nicht rückgängig gemacht werden und nobody’s perfect und deshalb vergebe ich dir jetzt.» Im Idealfall wird der Prozess sogar von der Einsicht des Missetäters unterstützt und man einigt sich, die Sache nun ruhen zu lassen – und doch, und doch …

Und doch bleibt da dieses Etwas. Kennen Sie es? Ein Gefühl, dass die Beziehung Schaden genommen hat, ein Mangel an Vertrauen auch, oder dieses moralische Ungleichgewicht, schlechterdings beidseitig als solches empfunden; der eine schmort in der Rolle des Missetäters, der andere darf die hehre Position des Vergebenden einnehmen. Kann sowas gut gehen? Kann man Groll vergessen oder gar Kraft seines Verstandes ausradieren? Ich gestehe: Ich kann es nicht. Ich kann es nicht gegenüber den Pandemisten. Verdammt, ich kann es nicht einmal, wenn ich auf der Autobahn vom Gas muss, weil jemand vor mir auf die linke Spur wechselt. Ich brauche etwas anderes. Etwas Besseres. Etwas Radikaleres?

Tippings Konzept der radikalen Vergebung lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Es gibt nichts zu vergeben. Um zu dieser Einsicht zu gelangen, bedarf es einiger Grundannahmen. Wer glaubt, dass wir nur eine Ansammlung von Atomen sind, die sich aus einer Reihe kurioser Zufälle zu den hochkomplexen Organismen formte, die wir «Menschen» nennen, dem wird sich die radikale Vergebung nicht erschliessen. Wer hingegen annimmt, dass wir geistige Wesen sind, die Menschen wurden, um uns selbst zu erfahren, der erkennt, dass es auch die Schwierigkeiten sind, die uns voranbringen, die Unannehmlichkeiten, die Probleme, die Schmerzen, unsere Gegner, die Regierenden dieser Welt, die Klaus Schwabs und ihre Polizisten, die jede Agenda vorbehaltlos durchprügeln. Sie sind unsere Lehrer, indem sie uns unsere Schatten aufzeigen und uns einladen, unser Potenzial auszuschöpfen.

Lauterbach im Wald mit Pilzen

Möglicherweise sprechen wir uns als geistige Wesen über den Tanz ab, den wir nach unserer Menschwerdung auf Erden aufführen möchten. Vielleicht sagt das eine Wesen zum anderen: «Du, ich möchte wissen, wie es sich anfühlt, unterdrückt zu werden, wärst du so lieb und übernimmst die Rolle des Psychopathen, des Sadisten, des Tyrannen? Würdest du das tun für mich, damit ich diese Erfahrung machen kann?» Ein unerhörter Gedanke! Dann wäre Vergebung nur die Vorstufe und wir dürften erfahrenes Unrecht sogar zu Dankbarkeit transzendieren.

Mirko Betz, der sich selbst als Lebenscoach und Grossstadtmönch bezeichnet, beschreibt in einem Video eine Erfahrung, die er mit psychedelischen Substanzen machte: Dabei ging er durch einen Wald und begegnete dort Karl Lauterbach. Wortlos standen sich die beiden gegenüber, bis sich der deutsche Gesundheitsminister ins Gesicht griff und seine Maske herunterriss. Betz folgte Lauterbachs Beispiel und riss sich seine Maske ebenfalls vom Gesicht. Bei beiden kam eine weitere Maske zum Vorschein und so rissen sie sich auch diese vom Gesicht. So ging das immer weiter, bis die letzte Maske fiel. Wortlos standen sich die beiden gegenüber und Betz stellte staunend fest, dass hinter den vielen Masken auf beiden Seiten dasselbe Wesen zum Vorschein kam.

Die Verabredung zum Tanz auf der Erde, hat sie womöglich ein Wesen mit sich selbst getroffen? Ist sie daraufhin als Karl Lauterbach und Mirko Betz inkarniert? Oder als Demonstrant und als Polizist? Wie weit sind wir bereit, dies anzunehmen? Ist Beda Stadler, der schon 2019 «Zwang und saftige Bussen» für Impfgegner forderte, derselben Absprache entsprungen wie die vielen Kinder, deren Gesundheit auf Lebenszeit durch diese Mittel ruiniert wurde? Hat ein einziges Bewusstsein, dem wir alle entspringen, entschieden, als Spross der Rockefeller-Dynastie materiellen Überfluss zu erfahren und gleichzeitig als verhungernde Dreijährige in Somalia an Mangel zugrunde zu gehen?

Hier wehrt sich etwas in mir, wohl auch deshalb, weil in diesem metaphysischen Erklärungsversuch der Solipsismus lauert, der in seiner ethischen Ausprägung einen unreifen Nihilismus befördert. Dabei brauchen wir in gefährlichem Gelände doch einen Kompass! Denn vergangenem Unrecht darf ich mit radikaler Vergebung begegnen, mich aber nicht aus der Verantwortung entlassen, Verbrechen zu verhindern, wenn ich dazu in der Lage bin, und jene Menschen, zu deren Schutz ich berufen bin, vor dem Bösen zu bewahren. Denn wir haben uns nicht zur Menschwerdung entschieden, um hier der Musik tatenlos zu lauschen. Wir sind aufgefordert zu tanzen. ♦

von Michael Bubendorf


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