Gendersternchen

Ganz ehrlich, vor ein paar Jahren hätte niemand etwas mit dem Begriff Gendersternchen anfangen können. Gut, das Wort «gender» kommt aus dem Englischen und bedeutet Geschlecht. Also die klassische biologische Zugehörigkeit zur weiblichen oder männlichen Spezies. Ein Sternchen ist ein kleiner Stern, vom Asteriskus auf der Tastatur bis hin zum Kosewort für verehrte Menschen, für nicht ganz so erfolgreiche Schauspieler und Schauspielerinnen.

Aber was nun ist ein Gendersternchen? Erst als eine kleine, selektiv unterschiedlich gebildete, aber zweifellos ideologisch sehr stark geprägte Gruppe im deutschsprachigen Raum – und ausschliesslich hier ist das weltweit möglich – auf die Idee kam, jegliche Benennungen von Personen unbedingt auch zu verweiblichen, also unsere in der deutschen Sprache so einzigartigen Artikel «der, die und das» völlig zu negieren, erlebte das Gendersternchen seine unnötige Geburt. Irgendwie musste es im Schriftdeutschen umgesetzt werden, was für wenige Menschen unumgänglich schien: die Vereinheitlichung der Geschlechter, das wilde Gendern auf allen Ebenen bis hin zur Absurdität. Umständlich, inkonsequent und ideologisch, so benannte es selbst die NZZ im Februar 2022. Manche betrachten es als fortschrittlich, die Sprache auf diese Weise zu sexualisieren – in Wirklichkeit spaltet es die Gesellschaft. Handelt es sich vielleicht gar um das Latein der neuen Eliten, wie der Sprachphilosoph Philipp Hübl sinnierte?

Egal was benannt wird, es muss ein Gendersternchen darin vorkommen. «Samenspenderinnen» ist so ein sinnentleertes Wort, welches aber ganz bezeichnend für diese Ideologie ist. Und wie wird das Gendersternchen nun gelesen und gesprochen? Versetzen Sie sich einmal in einen des Deutschen nicht mächtigen Ausländer. Bemüht, deutsch zu sprechen, sich in die Mentalität der deutschen Sprache einzufinden. Nun findet dieser arme Ausländerin plötzlich eine völlig zerhackte Orthografie vor, die beim besten Willen nicht einmal ein Mutter- (oder heisst es jetzt auch Vater-)sprachlerin aussprechen kann. Wenn das Lesen dieses sprachlichen Irrsinns schon schwierig ist, wie soll man es denn sprechen? Indem der/die/das nächste Neologismus*a (geht das auch im Lateinischen?) bemüht wird, der Gender-Gap. Der Linguist Steffen Herrmann erfand 2003 dieses sprachliche Ungetüm, welches über einen sprachlichen Freiraum die Entfaltung der Geschlechteridentitäten auch phonetisch möglich machen solle. Das SRF schreibt: Das Gendersternchen soll Frauen sprachlich sichtbar machen. Für den Tagesspiegel ist das Gendersternchen ein Menschenrecht, dessen Einhaltung von der selbst ernannten Sprach- und Sprechpolizei überwacht werden muss.

Was ist da schiefgelaufen? In der Krisenzeit der letzten drei Jahre, wo willkürlich mithilfe eines Infektionsschutzgesetzes tatsächlich massiv Grund- und Menschenrechte ausser Kraft gesetzt wurden, verirrt sich die Gesellschaft im Gendersternchenwahn. Begriffe wie «Respekt», «Solidarität» oder «Höflichkeit» müssen real gelebt werden. Ein pseudo-egalitäres Sprachwirrwarr trägt nicht dazu bei.

Haben wir nicht andere, viel schwerwiegendere gesellschaftspolitische Probleme zu lösen? Uns wäre es viel lieber und es wäre viel angebrachter, wirklich benachteiligten Menschen und Minderheiten eine Stimme zu geben – vielleicht mit einem «Ungeimpftsternchen», einem «Coronakritikersternchen» oder schlicht einem «Selbstdenkersternchen». ♦

von Prof. Dr. Stefan Hockertz und Sylvia Theis


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