Fragebogen an Andreas Vettiger

In welcher Rolle fühlen Sie sich am wohlsten?


Auf der Bühne fühle ich mich am wohlsten in der Rolle des Chefs (Weissclown). Im Alltag probiere ich, möglichst keine Rolle zu spielen und mich selbst zu sein. Ich verwirkliche gerne kreative Projekte von der ersten Idee bis zur Schlussabrechnung und sehe mich auch als Netzwerker zwischen Kulturschaffenden und Kulturinteressierten. So entstehen immer wieder neue Kulturräume, Festivals oder – bei Aufführungsverboten – «gesundheitsfördernde oder religiöse Veranstaltungen» für Menschen, die dies wollen.


Was sehen Sie, wenn Sie in den Spiegel schauen?


Das Spiegelbild meines physischen Körpers. Oft realisiere ich bei dessen Anblick, dass ich mich noch rasieren sollte …


Was glauben Sie, woher Sie kommen?


Ich glaube, dass mein geistiger Wesenskern die Zeit überdauert und nur meine jeweiligen körperlichen Hüllen vergänglich sind. Die körperlichen Hüllen scheinen mir nötig, um als Mensch das Grundthema dieser Zeitschrift zu erforschen und erlernen; die Freiheit.


Wann fühlten Sie sich das letzte Mal so richtig frei?


Bei der täglichen Meditation fühle ich mich doppelt frei. Erstens, weil es jeweils ein freier Entscheid von mir ist, zu meditieren. Zweitens, weil während der Meditation, bei der Anschauung meines eigenen Denkens, ein Moment entsteht, wo komplette Freiheit erlebbar wird. Ich erlebe mich als Schöpfer meiner Gedanken.


Warum sollte man Ihnen zuhören?


Es sollten mir nur diejenigen zuhören, die mir zuhören wollen. Gerne habe ich Menschen, die mir zuhören, wenn ich uralte Volksmärchen und Weisheitsgeschichten erzähle oder meine Lieder singe. Das macht beides nur Sinn, wenn es ein zuhörendes Publikum gibt. Wenn jemand nicht nur gerne zuhören, sondern auch wieder mal ausgiebig lachen und staunen möchte, empfehle ich zudem, einer Aufführung von unserem Duo «Gilbert & Oleg» beizuwohnen.


Ihre erste Kindheitserinnerung?


Keine konkrete Ahnung mehr … ich genoss aber eine unbeschwerte Kindheit mit vielen Freiheiten und einem sicheren Hafen in der Familie.


Ihr grösster Erfolg?


Nicht der grösste, aber einer der schönsten Erfolge war ein Theaterprojekt mit 15 Jugendlichen im Jahr 2017. Es hiess «Die Glücksbringer vom Gleis 1 – ZiRZiNi, der Traum vom Frieden». Es entstand während einem Jahr ein gemeinsames Theaterstück mit Artistik und Musik, mit welchem wir zum Abschluss auf Tour gingen. Mir wurde bei diesem Projekt klar, welches gewaltige Potenzial in den jungen Menschen steckt, wenn man es nur weckt und ihnen hilft, sich zu entfalten. Das Projekt hat mich zutiefst berührt und ich wünschte mir, dass alle Kinder solche Momente erleben dürften. Ein Link zum Dokumentarfilm über die Glücksbringer (auch von einem Jugendlichen gemacht!) ist auf unserer Website zu finden.


Ein grüner Daumen oder zwei linke Hände?


Als Ausgleich zur Bühne liebe ich Gartenarbeiten oder Ausbauten im und am Haus. Es darf gerne auch mal ein selbstgebauter Zirkuswagen sein. Alles kreativ und ordentlich gemacht, aber nie perfekt … In unserem riesigen Garten liebe ich es, die Bäume zu pflegen. Da wir im Sommer meistens zwei bis drei Monate mit unserem fahrenden Theater durch die Schweiz tingeln, macht ein Gemüsegarten leider keinen Sinn.


Eher mass-los oder mass-voll?


Solange ich mich je nach Situation frei für das eine oder das andere entscheiden kann, ist mir beides recht.


Politik ist …?


… aus meiner Sicht eigentlich anders gedacht, als sie heute praktiziert wird. Für mich sollte die Politik einzig das Zusammenleben der Menschen regeln, dort wo dies benötigt wird. Unabhängig von Fähigkeiten oder Reichtum sollten in der Politik alle Menschen und ihre Interessen gleichwertig behandelt werden. Die Politik hat in der Wirtschaft, der Kunst, den Weltanschauungen und den Wissenschaften nichts zu bestimmen. Die Politik soll dies alles denen, die es benötigen und wollen, gleichermassen ermöglichen – und nicht aus Eigen-, Macht- oder Lobbyinteressen inhaltlich in diese Gebiete eingreifen.


Wie viel Freiheit ertragen Sie?


Freiheit ist nicht etwas, was ich ertragen muss. Freiheit ist mein Ziel.


Wie viel Macht beanspruchen Sie für sich?


Das Wort Macht ist eher mit negativen Gefühlen verbunden. Im Wort «Macht» ist aber auch das Verb «machen» drin. «Handeln» oder «Tun». Ich beanspruche möglichst viel Handlungsspielraum für alle. Ich möchte meine Macht und auch die der anderen Menschen zu einem Handeln aus Erkenntnis nicht eingeschränkt sehen. Dazu kommt mir ein schönes Zitat von Rudolf Steiner in den Sinn: «Leben in der Liebe zum Handeln und Lebenlassen im Verständnis des fremden Wollens ist die Grundmaxime des freien Menschen.»


Welches Buch sollte jeder gelesen haben?


«Die Philosophie der Freiheit»

Zu welcher Musik tanzen Sie sich frei?


Ich tanze gerne «Bal-Folk». Da kann ich meine Freiheit in Gemeinschaft mit anderen Menschen geniessen. Das war auch in der kulturarmen Zeit mit sozialen Einschränkungen immer wieder der beste «Booster» für meine Lebensenergie.


Ihr Lichtblick in finsteren Zeiten?


Liebe und Vertrauen.


Was wollen Sie noch erreichen?


So viel wie möglich.


Was geschieht nach dem Ende?


Anfang und Ende gibt es nur in Zeit und Raum. Ich denke, nach dem Ende wird es wieder so sein wie vor dem Anfang, nur anders …


Kommt es gut?


Es kommt so, wie wir es gestalten!

Andreas Vettiger ist Schauspieler, Märchenerzähler und Liedermacher. Er ist die strengere Hälfte des Komiker-Duos «Gilbert & Oleg», welches jeweils im Sommer mit ihrem eigenen Theater auf Rädern «Fahrieté» in der Schweiz unterwegs ist. Mit seiner Partnerin Priska pflegt er im Berner Jura die grosse Märchenlesebibliothek «Le Toit des Saltimbanques». Gemeinsam als «Priska & Jean Duconte» verwöhnen sie die Menschen mit ihren Liederstubeten oder in ihrem Märchen-B&B in Courtelary.

www.gilbert-oleg.ch
www.märchenundlieder.ch
www.saltimbanques.ch

von Redaktion

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