
«Böses» Licht?
Mitten im stockenden Kolonnenverkehr ist meine Aufmerksamkeit nach vorne gerichtet. Alles ist dicht, kaum Bewegung. Zunehmend genervt versuche ich zu verstehen, warum es hier nicht mehr vorwärts geht. Und dann passiert es.
Ohne bewusst zu entscheiden, wandert mein Blick in den Rückspiegel. Noch ist nichts zu sehen und doch ist da schon dieses Gefühl. Dann erkenne ich es: ein entferntes, pulsierendes Blaulicht. Durchdringend und unübersehbar kommt es näher … Ich reagiere sofort. Alarmiert und leicht gestresst manövriere ich mein Auto an den Strassenrand. Helles blaues Licht wirkt. Es aktiviert. Es stresst. Und genau deshalb wird es eingesetzt.
«Stress» kann am Tag sinnvoll sein. Polizei und Sanität haben sich diese Farbe wohl nicht zufällig ausgesucht. Blaulicht ist ein biologischer Reiz. Es ist ein Signal: Achtung! Gefahr! Du musst reagieren! Doch was in einer Ausnahmesituation sinnvoll ist, ist in unserem Alltag zur Dauerbestrahlung geworden.
Seit die Glühbirne vor rund zehn Jahren in der Schweiz und der EU verboten wurde, leben wir in einem Experiment mit offenem Ausgang. Unter LED-Beleuchtung leben wir heute in einer Welt, die uns permanent diesem Reiz aussetzt. Subtiler ja, aber ununterbrochen. Im weissen LED-Licht ist ein hoher Blauanteil enthalten, den wir nicht direkt wahrnehmen, der dennoch auf uns einwirkt.
Offiziell ging es bei der Umstellung von der Glühbirne auf die LED-Technologie um Energieeffizienz. Inoffiziell hat man eine über Jahrhunderte gewachsene Beziehung zwischen Mensch und Licht erstmals durchtrennt. Licht war nie nur Licht. Seit jeher existierte Licht in Verbindung mit Wärme.
Je stärker die Sonne scheint, desto wärmer ist sie. Geht sie unter, bleibt das Feuer. Später kam die Kerze dazu oder eine Öllampe. Beides brachte unliebsame Nebeneffekte: Rauch, Russ und Geruch. Erst die Glühbirne brachte künstliches Licht in Perfektion: ein konstant glühender Draht, der Wärme und Licht zugleich erzeugt. Ein technischer Fortschritt, der sich dennoch an der Natur orientierte. Heute erzeugen wir Licht ohne Wärme – «kaltes» Licht. Dieses Licht ist weit weg von allem, was unserer Natur entspricht. Technisch zwar effizient, aber biologisch schädlich.
Licht ist Schwingung und unser Körper kann es über die Augen und über die Haut aufnehmen. Licht trifft also unseren ganzen Körper. Unsere Haut reagiert darauf. Unsere Zellen reagieren darauf. Unser gesamtes System ist darauf ausgelegt, Licht zu «lesen».
Klassische, thermische Lichtquellen erzeugen nebst der Wärme viel Infrarot und kaum Blau. Das ist kein Zufall, sondern ein entscheidender Vorteil. Denn das Nahinfrarotlicht (NIR) unterstützt zentrale biologische Prozesse in unserem Organismus: Es fördert die Zellregeneration, indem es die Mitochondrien, unsere Zellkraftwerke anregt, es aktiviert unser Immunsystem und ist verantwortlich für die Bildung von Melatonin, unser Schlafhormon. Zudem wirkt das NIR auch als Radikalfänger und reduziert oxidativen Stress.
Das Gegenteil passiert, wenn unser Körper kaltem, weissem Licht ausgesetzt ist, das einen hohen Blauanteil im Lichtspektrum aufweist. Dies ist der Fall bei modernen Lichtquellen wie LED, Bildschirmen oder Leuchtstoffröhren. Blaulicht liegt im Bereich von 380 bis 500 Nanometern, ist extrem energiereich und biologisch hochwirksam. Es sendet eine klare Botschaft an unseren Körper: Bleib wach. Sei aufmerksam. Sei bereit.
Wir begegnen Blaulicht tagtäglich, denn die Sonne gibt natürliche Blaulichtstrahlung ab und hilft so unserer biologischen Uhr, den «Schlaf-Wach-Rhythmus» zu steuern und das Schlafhormon Melatonin zu regulieren. So sind wir Blaulicht ausgesetzt, wenn die Sonne scheint, und es verschwindet, wenn sie untergeht. Im Sonnenlicht erscheint es nicht gesondert, sondern ausgewogen im Spektrum mit allen anderen Farbanteilen.
Heute lassen wir uns mit künstlichem kaltem Licht bis tief in die Nacht hinein bestrahlen und hebeln somit den natürlichen Rhythmus aus. Und meist strahlt es direkt vor unseren Augen, wenige Zentimeter entfernt. Doch nicht nur Computer, Smartphones, Fernseher und andere digitale Geräte weisen eine sehr hohe Blaulichtkonzentration auf, sondern auch Deckenlampen, die ein künstliches «Weiss» erzeugen, das in Wahrheit ein unausgeglichenes Spektrum mit einem dominanten Blauanteil und nicht einmal einem geringen Infrarotanteil aufweist.
Wir setzen uns also unwissentlich ständig einem Reiz aus, den unser Körper als «Tag» interpretiert. Und wir wundern uns über Müdigkeit, Schlafprobleme und Erschöpfung. Das ist kein Wunder, wenn die Erholung auch auf zellulärer Ebene ausbleibt und Stress zum Grundzustand wird. Doch die Auswirkungen von weissem Licht mit hohem Blauanteil gehen noch tiefer: Blaulicht erzeugt Sauerstoffradikale, die in der Oberhaut bleiben und schädlich fürs Gewebe sind. In Studien erhärtet sich zunehmend der Verdacht, dass es die Energieproduktion in den Mitochondrien reduziert, Zellstress erhöht, Regenerationsprozesse stört und den gesamten Biorhythmus aus dem Gleichgewicht bringt.
Es gibt Hinweise darauf, dass selbst geringe Dosen von künstlichem weissem Licht bereits messbare Effekte auf Zellen haben können: Veränderungen der Zellstruktur, DNA-Schäden und aktivierte Stressmechanismen. Besonders brisant ist, dass diese Effekte bereits unterhalb der aktuell geltenden Grenzwerte des Bundesamts für Gesundheit auftreten können. Mit anderen Worten: Das, was offiziell als «sicher» gilt, ist nicht unbedingt unbedenklich.
Doch damit nicht genug. Hinzu kommt ein weiterer Aspekt, den viele gar nicht wahrnehmen – und der gerade deshalb so problematisch ist: das Flimmern. Eine Glühbirne leuchtet kontinuierlich, ruhig und stabil.
LEDs hingegen arbeiten gepulst. Sie flackern. Und das oft in so hohen Frequenzen, dass wir es nicht bewusst wahrnehmen können. Aber unser Nervensystem registriert diese Schwingungen. Diese permanente, unterschwellige Reizung kann die Konzentration beeinträchtigen, das Stressniveau erhöhen und unsere Wahrnehmung dauerhaft belasten. Studien deuten darauf hin, dass genau dieses Flimmern die Leistungsfähigkeit beeinträchtigt – etwa in Schulen, die auf LED-Beleuchtung umgestellt haben. Die Frage ist also berechtigt: Hat man hier im Namen des Guten etwas Schlechtes erschaffen? Energie sparen auf Kosten der Gesundheit?
Nicht allein die LED-Technik ist das Problem, sondern ihre Spektralverteilung. Denn selbst warmweisses LED-Licht kann den Körper durcheinanderbringen, wenn die roten Farbspektren unausgeglichen sind oder ganz fehlen und die blauen unnatürlich hoch sind.
Bei herkömmlichen LEDs wird aufgrund der Energieeffizienz auf die Infrarotanteile verzichtet, mit dem hohen Blauanteil wird die Energiebilanz auf dem Papier in den «A+»-Bereich verschoben. Doch bei ausgewogener Spektralverteilung und hohen Rotanteilen benötigt das menschliche Auge insgesamt weniger Licht, da der Sehkomfort höher ist, womit man mit weniger Leistung die zusätzliche Energie kompensieren kann.
Was können wir konkret tun?
• Bewusstsein schaffen, dass Licht kein neutrales Hintergrundelement ist, sondern ein biologischer Taktgeber.
• Täglich ungefiltertes Tageslicht tanken – draussen, in der Natur, nicht hinter Glasscheiben.
• Abends konsequent Licht reduzieren und wärmere Spektren vorziehen.
• Nach 20 Uhr Bildschirmzeit begrenzen.
• Falls nötig: Blaulichtfilter oder Schutzbrillen einsetzen.
• In der Nacht echte Dunkelheit zulassen.
• Beim Kauf von Lampen auf Spektrum, Flimmerfreiheit und Farbqualität achten.
Und vielleicht der wichtigste Punkt: Wieder lernen, unserem eigenen Empfinden zu vertrauen. Denn unser Körper merkt sehr genau, was ihm guttut und was nicht. Wir haben nur verlernt, darauf zu hören.
***
In den letzten Jahren wurden Alternativen entwickelt. Wir sind mit Kooperationspartnern in Kontakt – demnächst sind Alternativen bei uns im Shop erhältlich. Bist du interessiert, dieses Feld zu erforschen und an Lösungen mitzuarbeiten? Dann melde dich unter redaktion@diefreien.ch
Hat dir der Artikel gefallen? Dann bestelle jetzt ein Abo in unserem Shop!
Deine Meinung ist uns wichtig: Teile dich mit und diskutiere im Chat mit unseren Lesern.