The show must go on

Wer sich mehr als 100 Jahre Freude auf die Fahne schreiben kann, hat vieles richtig gemacht im Leben. Der Zirkus Knie ist nach seinem 100-Jahr-Jubiläum und einer Zwangspause ins Jahr 2023 gestartet.

Es war pures Glück, das sich am ersten Tag des neuen Jahres unter dem Zirkuszelt ausbreitete. Als sich bei der Schlussrunde gut 5000 Zuschauer zu einer Standing Ovations erhoben und der Applaus nicht abklingen wollte, war die Freude über die unersetzlichen Zirkusmomente zu spüren. Mit strahlenden Augen und einem gewinnenden Lachen liessen mich die Artisten an ihrem Stolz über die atemberaubende Show teilhaben; die Stimmung rührte mich zu Tränen. Hier werden Emotionen verkauft. Dieses Metier versteht die Familie Knie wie niemand anderes.

Tief ergriffen fühlte ich mich, geborgen und verbunden inmitten von Tausenden von Menschen, als Teil von etwas Grossem. Die Qualität dieses Gefühls erfasse ich erst jetzt; ich hatte es lange nicht mehr erlebt. Dabei zu sein, wenn alle den Atem anhalten und mitfiebern, Auge in Auge mit den Artisten, den Luftzug ihrer Trapezkünste zu spüren und gemeinsam über die Missgeschicke der Komiker zu lachen – das sind elementare Erlebnisse, die kein Bildschirm ersetzen kann.

Scharen von Menschen, vom Kleinkind bis zur Grossmutter, standen Schlange am Zuckerwatte-Automaten, beim Wurststand oder vor den WCs. Menschliche Nähe war hier unausweichlich. Während drei Stunden fanden so viele Leute auf engstem Raum auf angenehme Weise zusammen. Es war schön, wieder einmal solche verbindenden Momente zu erleben: Wenn Tausende von Händen zu den gelungenen Kunststücken klatschen, tausend heitere Seelen über die Clowns lachen, wenn zur Musik die Lichter der Handys in der Luft hin und her schweifen und der Duft von Popcorn um meine Nase streichelt, dann entsteht eine wunderbare Stimmung, die sich wie Samt um mein Bewusstsein legt.

Kinder wie Erwachsene erleben hier, was Menschen gemeinsam schaffen können – Schaffen im Sinne künstlerischer Herausforderungen; schaffen aber auch im Sinne autonomer Unternehmensführung.

Stellen sie sich vor: Seit über 100 Jahren balanciert das Familienunternehmen Knie in einem öffentlichen Hochseilakt. Die Gefahr, das Gleichgewicht zu verlieren und auf der einen oder anderen Seite in die Tiefe zu stürzen, lauerte überall: Der Zweite Weltkrieg, die Weltwirtschaftskrise, die immer grössere Konkurrenz im Unterhaltungssektor – und zuletzt ein staatlich verordnetes Versammlungsverbot. Dazu kamen interne Auseinandersetzungen unter Familienmitgliedern und Misserfolge. Und das Risiko besteht auch weiterhin.

Tradition erhalten und gleichzeitig mit der Zeit gehen: Ist dieser Spagat machbar? Immer wieder musste ein Konsens erzielt, mussten neue Lösungen gefunden werden. Mit konsequenter Haltung, Zielstrebigkeit und der nötigen Portion Offenheit gelang es dem Unternehmen Knie, seine Geschichte fortzuführen und sich trotzdem immer wieder neu zu erfinden. In alldem gilt es, rund 140 Mitwirkende jeden Alters, aus verschiedenen Nationen und Kulturen, mit unterschiedlichsten Fähigkeiten und Gesinnungen unter ein Zirkuszelt zu bringen. Gelingen kann das nur, wenn alle am selben Strick ziehen, zusammenarbeiten und füreinander da sind. Was sie alle verbindet, ist ihr gemeinsames Ziel: Immer wieder eine perfekte Show darzubieten!

In der Familiengeschichte des Zirkus war Margrit Knie (1897 – 1974) eine sehr prägende Figur. Welch grossen Einfluss die Frau von Friedrich Knie sen. (1884 – 1941) auf das Unternehmen hatte, erfährt man in der zweiteiligen SRF-Doku «Schweizer Nationalzirkus Knie – 100 Jahre Tradition». Margrit Knie pflegte ihre Beziehungen sorgfältig und wirtschaftete überlegt. In politischen und religiösen Konflikten verhielt sie sich unparteiisch. So achtete sie beispielsweise peinlich genau darauf, ihre Lebensmittel gleichsam bei Katholiken wie bei Reformierten zu besorgen. Spaltung jeglicher Form war ihr zuwider. Das gab sie auch den kommenden Generationen mit. Ihr Enkelsohn Fredy Knie jun. umschrieb das sehr treffend und brandaktuell: «Wir sind eben richtige Schweizer, wir sind neutral.»

Die Neutralität war und ist auch für das Unternehmen ein Erfolgsrezept. Im Zirkus Knie werden alle gleich behandelt: Die Mitarbeitenden aus verschiedenen Ländern genauso wie die Zuschauer. So brachte die Familie Knie unter ihrem Zirkuszelt alle zusammen, bereitete dem unterschiedlichsten Publikum Freude und leistete so mehr Friedensarbeit als die Kirche, die in grossen Teilen des Landes tiefe Gräben grub, die sich durch unsere Gesellschaft zogen.

Während des Zweiten Weltkriegs war – ähnlich wie in den letzten Jahren – die Spieltätigkeit infrage gestellt. Wegen drohender Bombenangriffe wurde damals die Massnahme erlassen, bei Dunkelheit keine Lichter brennen zu lassen. Die Regierung erlaubte der Familie Knie die Aufführungen nur mit abgedunkeltem Zelt. General Guisan setzte sich höchstpersönlich dafür ein, dass überhaupt gespielt werden durfte. Er war sich bewusst, dass in schwierigen und unsicheren Zeiten heitere Seelennahrung wichtig ist und die Menschen Orte brauchen, um zusammenzukommen, seelisch auftanken und den Kummer vergessen zu können.

Ja, es war Ablenkung; und ja, es waren und sind immer noch Illusionen und Emotionen, die uns ein Zirkus verkauft. Aber was wäre die Welt ohne sie? Sind es nicht auch die Illusionen eines schönen, heiteren, friedvollen Lebens, die uns antreiben, ein solches überhaupt anzustreben? Und sind es nicht die Emotionen, die uns das Leben lebenswert erscheinen lassen? Führt uns der Zirkus eben nicht auch eine Realität vor Augen? Dass wir die Illusionen des Schönen und Guten mit vielen anderen Menschen teilen; dass diese Illusionen auch in anderen Menschen einen Zustand der Freude und des Glücks wachrufen? Dass gemeinsame Freude und Glück möglich sind?

Hinter all dem Glitzer, der Heiterkeit, der Akrobatik stecken viel bitterer Ernst und harte Arbeit. Über all die Jahre miteinander auszukommen, Streit auszutragen, wieder Lösungen zu finden, das hat die Dynastie Knie erfolgreich geschafft. Auch Schicksalsschläge wie der Freitod des beliebten, kleinwüchsigen Clowns Spidi mussten verarbeitet und überwunden werden. Menschen und Tiere, sind gekommen und gegangen: So veränderte sich auch die Zusammenarbeit von Tier und Mensch. Ausser den Pferden und Ponys sind Tiere nämlich gänzlich aus den Shows verschwunden.

Das Publikum sieht nur die Pailletten, das Lachen, die Manege, Künstler, aber der echte Zirkus ist viel mehr. Hier packen alle; und zwar die ganz unterschiedlichsten Menschen gemeinsam an, arbeiten und schaffen etwas miteinander. Was sie verbindet ist die Arbeit; ihr gemeinsames Wirken. Es ist ein Zusammenwirken von unzähligen Aspekten: Logistik, Tiere, Inspiration, Schaffenskraft, Zwischenmenschlichkeit und nicht zuletzt – Liebe. Die Liebe zu den Mitmenschen, den Tieren, der Umwelt und dem Leben selbst.

Die Familie Knie schuf sich über die letzten 100 Jahre ihre eigene Welt mit teils eigenen Regeln. So werden die Zirkuskinder ganz selbstverständlich unternehmensintern geschult. Die internationale Zusammenarbeit mit Künstlern geschieht ungeachtet geopolitischer Entwicklungen. Es geht um ein Miteinander in jeder Hinsicht. Es geht um die Verbindung von Mensch zu Mensch, um für Menschen das zu schaffen, was uns ausmacht: Die geteilte Freude am Leben.

Der Zirkus beschenkt uns mit Emotionen und Illusionen. Emotionen, die aus dem Herzen kommen und Illusionen einer friedlichen, fröhlichen Welt – damit wir an sie glauben und wissen, dass sie existiert. Insofern erinnert uns der Zirkus an die wahre Welt, an das, worum es eigentlich geht: Um ein funktionierendes Universum, das die elementaren Dinge im Leben abbildet, nämlich Zwischenmenschlichkeit, Toleranz und Lebensfreude. Während aussen herum ein anderer Zirkus spielt, ein falscher, einer, den man zwischendurch für ein paar Momente vergessen sollte.

Deshalb: The show must go on!

von Prisca Würgler

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