Von der Hand in den Mund

Auf dem Biohof Gumme oberhalb von Thörishaus nahe der Stadt Bern beackert eine kleine motivierte Gemeinschaft mit viel Handarbeit, Liebe und Fleiss einen kleinen steilen Flecken Land und versucht dort, neue Wege zu gehen. Das frische Obst und Gemüse vertreiben die Bäuerinnen und Bauern im Abo-System und auf regionalen Märkten. Lokal produzieren und lokal konsumieren – das hat Zukunftspotenzial.

Über dem Sensegraben am sonnenverwöhnten Südhang mit wunderbarem Ausblick auf die Gantrischkette arbeitet die kleine Gemeinschaft noch vorwiegend von Hand. Und da sie versucht, in geschlossenen Kreisläufen mit statt gegen die Natur zu arbeiten, ist ihre Wirtschaftsweise auch enkeltauglich.
«Wir möchten Landwirtschaft möglichst ressourcenschonend betreiben», sagt Betriebsleiter Thomas alias Gogo Ramser. Denn dass immer grösser auch besser sei, entspringe der überholten Idee aus Zeiten der Industrialisierung, die unter anderem zu degenerierten und vergifteten Böden, Insektensterben und vergiftetem Wasser geführt habe.

Fünf Parteien von Jung bis Alt leben und arbeiten auf dem Biohof Gumme wie in einer kleinen Dorfgemeinschaft. Die Grosselterngeneration Paula & Fritz Jost, die den Betrieb einst noch konventionell führten, wohnen im schmucken Stöckli. Im Bauernhaus nebenan wohnen die beiden jungen Familien von ihrer Tochter Bea mit Gogo Ramser sowie deren Tochter Hanna, und Marianne und Thomas Wieland mit ihren beiden Söhnen Manuel und Jaro. Der Gemüsegärtner Daniel Flühmann aus Mittelhäusern und der Weinfachmann Serge Berger aus Bern komplettieren das Gumme-Team. Hinzu kommen immer wieder helfende Hände wie die von Elsbeth und Tanja, die der Gumme-Gemeinschaft freiwillig unter die Arme greifen.

Was sie alle vereint ist der Wunsch nach einer nachhaltigen Landwirtschaft mit kleinem ökologischen Fussabdruck und einem achtsamen Umgang mit Mensch, Tier, Pflanze, Boden, Wasser und Luft. Die industrielle Landwirtschaft führe in eine Sackgasse, davon ist Gogo überzeugt: «Wo sie betrieben wird, sind die Böden degeneriert und mit Schadstoffen belastet – etwa in China, den USA und in Europa. Der Humusgehalt der Böden war früher viel höher. Unterdessen ähnelt er mit 2 bis 2,5 Prozent vielerorts demjenigen in der Wüste. Der Rückhalt von Wasser und Nährstoffen in solchen Böden ist schlecht, und sie erodieren leicht.»
 Hier sucht die kleine Gemeinschaft nach neuen Lösungen. Auf ihrem Land sollen auch noch ihre Kinder fruchtbare Böden antreten können. «Ich wünschte mir, dass wieder mehr Menschen in der Landwirtschaft arbeiten und dass der Boden wieder vermehrt von Hand bearbeitet wird», äussert der Betriebsleiter. Hätte einst die Hälfte der Bevölkerung in der Landwirtschaft gearbeitet, seien es heute noch magere zwei Prozent. «Den Menschen fehlt der Bezug zur Landwirtschaft sowie den Lebensmitteln. Die Nahrung sollte wieder einen höheren Stellenwert bekommen.» Das Befriedigende an ihrer Wirtschaftsweise sei, dass man aus dem Vollen schöpfen könne beim Gemüse- und Obstanbau, ergänzt Dani: «Das ist ein Lohn, den du nicht in Geld bewerten kannst.»

An diesem schönen Sommernachmittag ist Feldarbeit Trumpf. Boden lockern ist angesagt. Mit grossen überdimensionalen Stechgabeln wird Luft in die unteren Bodenschichten transportiert und damit die Mineralisierung des Bodens unterstützt. «Das ist mein Lieblingssport», bekennt Bea augenzwinkernd, während ihr der Schweiss von der Stirn rinnt. Die Bodenqualität zu verbessern sei eines der Steckenpferde der Hofgemeinschaft, wie ihr Mann und Betriebsleiter Gogo später unter dem kühlenden Laubdach des Lindenbaumes auf dem Hofplatz erzählt: «Wir arbeiten mit effektiven Mikroorganismen, den sogenannten EM, um die Bodenfruchtbarkeit zu verbessern.» Kleinstlebewesen oder Mikroorganismen bauen im Boden dauernd Stoffe um. Sie stellen den Pflanzen Nährstoffe zur Verfügung und tragen so zu einem fruchtbareren Boden bei. «Wir setzen EM auch im Stall ein ge-gen die Fliegen und impfen den Kompost damit.»

Ein zweiter raffinierter Helfer auf dem Hof ist der Komposttee, ein Kaltwasserauszug aus Kompost oder Regenwurmhumus. Bei dieser Methode der regenerativen Landwirtschaft werden aerobe Mikroorganismen vermehrt, um Pflanzen zu stärken und gesund zu halten. Der Tee wird aufgespritzt und damit der Pflanze ein Impuls gegeben. Dieser kurbelt die Photosynthese-leistung der Pflanze an. Sie wird vitaler und ihr Immunsystem gestärkt, womit sie sich besser gegen Schadpilze und Schädlinge wehren kann. Während die konventionelle Landwirtschaft diesen Kleinstlebewesen mit Giften – Fungiziden, Pestiziden und Herbiziden – zuleibe rückt, setzt die Gumme-Gemeinschaft so weit wie möglich auf einen diametral entgegengesetzten Kurs: «Wir wollen die Pflanzen und den Boden stärken, damit die Natur sich selber ins Gleichgewicht bringen kann», sagt Gogo.

Damit ist die Gumme-Hofgemeinschaft bisher gut gefahren. Die Nachfrage nach ihren Gemüse-Abos ist stabil. Auch auf den Gemüsemärkten in der näheren Umgebung – Thörishaus, Mittelhäusern und Bern – ist ihr frisches und regional produziertes Obst und Gemüse ebenfalls sehr beliebt.

Dabei hatte einst alles klein angefangen: Anfangs bewirtschafteten Paula und Fritz den Hof noch zu zweit mit Helferinnen und Helfern. 2015 fand dann auch Daniel Flühmann auf dem Hof sein Glück. Er konnte einen Blätz Land übernehmen und dort sein Gemüse anpflanzen. Mittlerweile baut er eine grosse Varietät an Gemüse an und liefert seinen Abonnentinnen und Abonnenten einmal pro Woche eine kleine oder grosse Kiste Gemüse in eines der sechs Depots in der Region aus, wo die Kundschaft ihr Gemüse erntefrisch abholen kann.
Im selben Jahr legte die Gemeinschaft zusammen mit Serge Berger von der Rebenhackerei Berger aus Bern einen kleinen Weinberg mit Pinot-Noir-Reben an. Marianne und Tom leben schon länger auf dem Hof, wobei Tom mit seinem «GmüesEsel» weitherum bekannt ist. Mit seinem Carla Cargo-Veloanhänger radelt er den Hochstammbäumen in der Region nach, pflückt deren Früchte und pedalt mit bis zu 200 Kilogramm Gewicht auf dem Anhänger zurück auf den Gumme-Hof, um die Köstlichkeiten dort mit einfachsten Mitteln zu verarbeiten. Im Dorf unten bietet er der Bevölkerung überdies seine muskelbetriebenen Geräte zur Mitbenutzung an: Zwei Velos, ein Crosstrainer und ein Rudergerät treiben Mühlen zur Produktion von Polenta, Hartweizengriess, Weizenmehl oder Roggenmehl und Ölpressen zur Produktion von Rapsöl an. Auch auf dem Hof nutzt Tom ausgeklügelte Technik für seinen Dörrapparat. So sorgt ein Wasser-Luft-Tauscher dafür, dass aus dem Warmwasserüberschuss der Warmwasserkollektoren auf dem Dach warme Luft entsteht, mit der er seine Bohnen, Kirschen, Zwetschgen, Birnen und Äpfel dörren und haltbar machen kann.

Ein Einkommen aus kleinen Nebenerwerben ermöglicht der Gemeinschaft zudem noch mehr Narrenfreiheit bei ihrer innovativen Form der Landwirtschaft.
 Diesen warmen Sommerabend liessen sie ausklingen bei gemeinnütziger Arbeit im Sensegraben, indem sie den Fluss von Abfällen befreiten – Idealistinnen und Idealisten durch und durch! ♦

von Daniela Schwegler

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