Solidarisch auf dem Acker

Auf dem solidarischen Demeter-Hof Rütiwies in Algetshausen arbeiten Bauern und Konsumenten Hand in Hand. Dies beschenkt das Bauernpaar Liliane und Julian mit der Sicherheit, dass die Produktionskosten gedeckt sind – und ihre Kunden profitieren von gesunden, erntefrischen und regionalen Lebensmitteln sowie einem lebhaften Bezug zur Scholle.

Auf dem Weg zur kleinen Oase Rütiwies inmitten der Agglomeration und Industrie des sankt-gallischen Uzwil, stehen stattliche Hochstammbäume Spalier. Es sind Baummethusaleme, darunter viele ProSpecieRara-Sorten, die zum Teil noch Lilianes Grossvater angepflanzt hatte. Und ein bisschen fühlt es sich auf dem Hof Rütiwies in Algetshausen auch an, als wär man aus der Zeit herausgefallen. Denn Liliane Kesseli-Künzle und Julian Künzle-Kesseli verzichten auf ihrem Betrieb weitestgehend auf schwere Maschinen und setzen vermehrt auf Handarbeit. Dabei ist ihr Bio- und Demeter-Betrieb ein richtiger «Gemischtwaren-Laden». Hier wachsen nicht nur Gemüse und Getreide; es gibt auch Eier, frischen Süssmost, Fleisch von Hinterwälder Kühen und Schweinen sowie Suppenhühner.
«Auf unserem Hof soll es allen gutgehen», ist sich das Bauernpaar einig, «eine permakulturelle naturnahe Bewirtschaftung, in der sich nicht nur unsere Nutztiere und wir uns wohlfühlen, sondern auch viele Wildtiere und Pflanzen, ist für uns das Wichtigste.» Sich gemeinschaftlich selbst zu versorgen ist ebenso Trumpf auf der Rütiwies. An einem warmen goldigen Herbstsommertag fand kürzlich wieder ein Infotag statt, wo das Bauernpaar eine Schar Interessierter über den Hof führte und diese mit viel Elan und Herzblut in die Wirtschaftsweise der solidarischen Landwirtschaft einweihte. Denn es gibt wieder freie Gemüseanteile ab nächstem Jahr!
«Wir beide sind Bauernkinder, die nie in die Landwirtschaft wollten», erzählt Liliane bei einem Glas frischgepresstem Apfelsaft auf dem Hofplatz schmunzelnd, «man ist halt einfach angebunden». Doch recht bald habe sich das Blatt gewendet und das junge Paar besann sich zurück zu seinen Wurzeln. «Denn es ist ja auch etwas Schönes, wenn man schon das Land dazu hat, um selber Lebensmittel produzieren zu können.» So kam es, dass die beiden am 1. April 2013 – kein Scherz – den schönen Hof von Lilianes Eltern übernehmen konnten. Nach zwei Jahren entschieden sie sich, den konventionellen Milchwirtschaftsbetrieb neu auszurichten. Vielfältiger und naturnaher sollte er werden. Deshalb gaben sie die Milchwirtschaft auf, fingen mit Mutterkuhhaltung an, schafften sich Hühner an und starteten mit dem Getreideanbau. Ausserdem setzten sie vermehrt auf Direktvermarktung.

2017 erhielt ihr Hof das Voll-Knospe-Zertifikat, seit 2018 ist er als Demeter-Betrieb anerkannt. «Mit dem Einsatz von biologisch-dynamischen Präparaten aus Kräutern, Mineralien und Kuhmist fördern wir ein gesundes Pflanzenwachstum und die Mikroorganismen», so Julian. Das Tüpfchen auf dem i bildet nun ihr jüngster Schritt hin zur solidarischen Landwirtschaft. «Es macht einfach Freude, zusammen zu ernten und zusammen Ideen zu entwickeln», sagt Liliane. Dabei waren sie eher zufällig auf diese Form der Landwirtschaft gestossen. Liliane wollte ihr Wissen im Gemüseanbau vertiefen und besuchte dazu bei der Kooperationsstelle für solidarische Landwirtschaft einen Kurs. Sie fing gleich Feuer für die Idee, den Hof mit anderen Menschen zu teilen. «Es ist einfach schön, Menschen die Möglichkeit zu geben, sich auch ohne Land in die Landwirtschaft einzubringen und etwas bewegen zu können», sagt sie strahlend.
Die solidarische Landwirtschaft verbindet den Konsumenten mit dem Produzenten. Durch einen Betriebskostenbeitrag finanziert der Konsument die Produktion der Lebensmittel und erhält dafür einen Teil der Ernte. Dabei wächst auch der Konsument als Mitproduzent über sich hinaus und wird zum «Prosumenten», der sich aktiv an Entscheidungen auf dem Hof beteiligen kann. «Eine kleine Gruppe regte zum Beispiel kürzlich an, dass wir auch Kräuter und Beeren anbauen könnten», berichtet Liliane. Somit bestimmen die Mitglieder das Geschehen auf dem Hof aktiv mit.
Da es mittels Direktzahlungen gar nicht so einfach ist, eine Solawi auf die Beine zu stellen, gründete das Paar zusammen mit einer Schar Interessierter 2020 den Verein «SoLaWi Rütiwies», der als Drehscheibe zwischen den Konsumenten und dem Hof fungiert. Der Hof liefert die Lebensmittel sozusagen dem Verein und dieser verteilt die Ernte an die Mitglieder.
Die Vereinsmitglieder verpflichten sich pro Ernteanteil zu einigen Arbeitseinsätzen im Jahr. «Wir haben die Einsätze bewusst klein gehalten, um die Eintrittsschwelle niedrig zu halten.» Durch die gelegentliche Mitarbeit haben die Mitglieder nicht nur einen viel direkteren Bezug zu ihren Lebensmitteln, sie erhalten auch viele Einsichten in die Produktionsprozesse: Bei der Getreideverteilung zum Beispiel entspricht ein Ernteanteil von 25 Quadratmetern sechs Kilogramm Korn, aber lediglich viereinhalb Kilogramm hellem Mehl. Weshalb? «Weil beim Mahlen des Korns so viele Bestandteile weggeschält werden», löst Liliane das Rätsel auf. Die Mitglieder sehen auch, wie viel Arbeit anfällt vom Aufziehen eines Setzlings bis hin zum ausgewachsenen Kopfsalat. «Das steigert die Wertschätzung für die Lebensmittel enorm», beobachtet die Bäuerin.
Von der festen Zusammenarbeit mit den Konsumentinnen und Konsumenten profitiert aber auch das Bauernpaar. Die Betriebskostenbeiträge ermöglichen den beiden ein gesichertes Einkommen. Dank der Ernteanteil-Abos über ein Jahr können sie auch eine genaue Anbauplanung machen und produzieren so keine Überschüsse. Zudem wird das Risiko von Ernteausfällen mit den Konsumenten geteilt, da die Produktionskosten und nicht die Marktpreise bezahlt werden. Für die Mitglieder heisst das, dass ihr Ernteanteil in üppigen Jahren grösser ausfällt als in magereren Jahren. Ein weiterer Vorteil ist, dass die ganze Ernte den Mitgliedern gehört und damit keine Abhängigkeit vom Markt besteht. Dank der Arbeitskraft der Mitglieder kann zudem auf schwere Maschinen verzichtet werden, wodurch sich wiederum die Bodenfruchtbarkeit erhöht. Und schliesslich finden im kleinstrukturierten Gemüseanbau auch alte Sorten wie Kardy, Haferwurzel oder Cima di rapa sowie seltene Insekten ihre Nische.
Ein willkommener Nebeneffekt ist, dass die Bauern dank ihrer Helferinnen und Helfer weniger an die Scholle gebunden sind, so dass sie auch mal in die Ferien fahren können. «Das ist das Schöne an der solidarischen Landwirtschaft», sagt Liliane, «du kannst so leben, wie du willst!»
An Ideen für die Zukunft mangelt es den beiden nicht: eine Remise bauen, im Ackerbau vom Pflügen wegkommen und die Saat direkt in den Mulch ausbringen, eigenen Kompost und selbstgemischtes Substrat zur Setzlingsaufzucht herstellen, die Bäche ausdolen, noch mehr Hecken und fruchttragende Bäume anpflanzen, die männlichen Rinder nicht mehr kastrieren … Dank ihres SoLaWi-Hofmodells müssen sie dabei auch nicht darauf warten, dass die Agrarpo-litik die Weichen entsprechend stellt – sie können frisch und frei drauflos schalten und walten, wie es ihnen beliebt. «Es ist ein grosses Privileg, eine Landwirtschaft zu haben und diese frei gestalten zu dürfen», sagt Liliane. «Wir leben hier in unserem Paralleluniversum – auch für andere, die ein bisschen am Paralleluniversum teilhaben möchten», schmunzelt Julian. ♦

von Daniela Schwegler

Sie mögen vielleicht auch...

Beliebte Beiträge