Die Erfahrung von Gemeinschaft
Ende Oktober fand in Biel der erste Gemeinschaftsbildungs-Workshop für die Schweizer Graswurzle-Bewegung statt. 30 Menschen aus der ganzen Schweiz nahmen teil, und einer von ihnen soll hier gleich zu Wort kommen:
«Wie soll das gehen, dass aus 30 weitgehend unbekannten Menschen in weniger als drei Tagen eine Gemeinschaft entstehen kann? Dieser Frage, die sich mir am ersten Tag im grossen Saal der Rudolf-Steiner-Schule in Biel stellte, ging ich während eines Wochenendes nach. Mit zwölf einfachen Regeln der Kommunikation und viel Gestaltungsfreiheit entstand ein kleiner Gemeinschaftskosmos auf Zeit aus dem Innenraum der beteiligten Menschen. Es gab keine im Voraus festgelegten Themen, keine Moderation und keine Impulsreferate, die in eine bestimmte Richtung lenkten, niemand sagte uns, was wir abzuliefern hätten … Und trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb, entstand in kürzester Zeit so viel Nähe, wie ich mir in meinen kühnsten Träumen nicht hätte vorstellen können. Auf fast mysteriöse Weise hat sich für mich nach relativ kurzer Zeit ein Gefühl des Vertrauens eingestellt, das mir erlaubte, über meinen inneren Schatten zu springen und Dinge auszusprechen, die ich zuvor noch nie in Gruppen geteilt hatte. So erging es scheinbar auch anderen in der Gruppe, und die Achtsamkeit, mit der die unterschiedlichen Beiträge aufgenommen und gehalten wurden, hat zu einem zunehmend intensiveren Gemeinschaftserlebnis beigetragen, das ich in der Form und in der kurzen Zeit noch nie erlebt habe. Dankbar und mit neuer Hoffnung erfüllt, dass Gemeinschaft mit den unterschiedlichsten Menschen möglich ist, fuhr ich am Sonntagnachmittag nach Hause.»
– Christoph Schluep, Lommiswil
Verbindung an der Wurzel
Warum sollte eine solche Erfahrung an einem einzelnen Wochenende für mich oder für eine Gruppe, der ich mich zugehörig fühle, überhaupt Sinn machen? Ist es nicht genug, wenn ich mich als Person Gruppen anschliesse, die sich regelmässig treffen und die mich inhaltlich interessieren? Und ist es für Gruppen und Organisationen nicht genug, wenn sie sich für ein gutes Funktionieren mit guten organisatorischen Methoden aus dem Teambuilding-Methodenkoffer oder so wertvollen Entscheidungsformen wie beispielsweise der «Soziokratie» bedienen? Reicht es nicht aus, eine bewusste Gesprächsführung wie zum Beispiel die «gewaltfreie Kommunikation» gemeinsam zu erlernen und zu pflegen?
Mit Blick auf die Landschaft von Organisationen, die ich zwar inhaltlich sehr schätze, muss ich leider oft feststellen: Nein, das reicht offensichtlich nicht. So oft bleiben die Verbindungen untereinander recht oberflächlich, oder es werden sogar unnötige Machtkämpfe ausgetragen, weildie entscheidende Ebene, nämlich die zwischenmenschliche Beziehungsebene, nicht ausreichend beachtet und entwickelt wird. Zusammenarbeit hat viele Ebenen!
Mit unserer Arbeit möchten wir vor allem die Beziehungsebene entwickeln und stärken. Also die Ebene, bei der es an die Wurzel geht, wo es um die eigentliche Integrationskraft und den Zusammenhalt aller menschlichen Gruppierungen geht. Um diese tiefe Ebene zu erreichen und zu entwickeln, braucht es eine ausserordentliche Gemeinschaftserfahrung auf allen Ebenen des menschlichen Seins. Und diese Erfahrung ist tatsächlich an nur einem Wochenende möglich! An einem Wochenende können alle Teilnehmer einer Gruppe die zwölf Kommunikationsempfehlungen der Gemeinschaftsbildung nach Scott Peck erlernen und damit einen 4-Phasen-Prozess (Pseudo, Chaos, Leere, Gemeinschaft) durchlaufen. Das Ziel des Workshops ist, die vierte Phase der «echten Gemeinschaft» zu erfahren: ein lebendiges Erleben von ungewöhnlicher Sicherheit und ausserordentlichem Respekt. Einmal durchlaufen, können die Teilnehmer diese Erfahrung dann kontinuierlich in ihren jeweiligen Gruppen und allen anderen persönlichen Beziehungen im Alltag pflegen und weiterentwickeln.
Weitertragen mit der Geschenkökonomie
Nach dem Erfolg des ersten Workshops in Biel/Bienne findet vom 7. bis 9. Februar 2025 in Basel der nächste Workshop für die Graswurzle-Bewegung im Rahmen der «Geschenkökonomie» statt. Geschenkökonomie bedeutet, dass die Menschen an einem solchen Workshop kostenlos teilnehmen können, um am Ende mit ihren Spenden für die Finanzierung der Organisation und die Durchführung des nächsten Workshops zu sorgen. So laden die Teilnehmer gemäss ihrer Wertschätzung und finanziellen Möglichkeiten weitere Mitglieder der Graswurzle-Bewegung ein, ebenfalls eine solche Erfahrung machen zu können. Wir sind davon überzeugt, dass sich auf diese Weise die innere Integrationskraft und das Zugehörigkeitsgefühl der Bewegung sukzessive vertiefen und festigen werden. Dies wird sicherlich dazu beitragen, dass die Graswurzle-Bewegung weiterhin gesund und nachhaltig wachsen und gedeihen kann. Grundsätzlich sind alle unsere Workshops, also auch die für die Graswurzle-Bewegung, offen für alle Menschen. Es gilt auch hier der Leitsatz Nr. 7: «Beziehe dich und andere mit ein; vermeide es, jemanden auszugrenzen.»
Andreas Reese begleitet offene Gruppen und Organisationen durch den Gemeinschaftsbildungsprozess nach Scott Peck. Er ist Senior Facilitator bei CBI (Community Building International) und Mitglied von Graswurzle. andreas@bewusstwie.org
Mehr Infos zu den Kommunikationsempfehlungen und zum Verständnis des 4-Phasen-Prozesses
nach Scott Peck erhältst du bei bewusstwie.org oder bei communitybuilding.com
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