Das Selbsteigentum des Menschen

Eigentum ist die Strategie der Dinge dieser Welt, um dafür zu sorgen, dass es ihnen gut geht.

Es sind nicht die Menschen, die im Zug ihrer Sesshaftwerdung die Dinge der Welt zu ihrem Eigentum gemacht haben; es sind die Dinge dieser Welt, die in millionenjähriger Evolution die Funktion des Eigen-tums entstehen liessen. Natürlich geschah dies nicht planmässig – Evolution kennt keine Handlungspläne –, sondern es geschah, weil es sich bewährt hat; weil es den Dingen guttat, einen Eigentümer und damit einen fürsorglichen Paten zu haben. Patenfürsorglichkeit gab es lange nicht auf der Erde, sie musste zuerst noch entstehen.

Emergenz von Subjektivität

Sie entstand erst mit dem Aufkommen hochentwickelter Organismen, deren Steuerungsorgane etwas völlig Neues auftauchen liessen, nämlich Bewusstsein und damit Subjektivität. Das ist das Ich-Gefühl, das Sie, liebe Leserin und lieber Leser, täglich von morgens bis abends und nachts im Traum bei sich haben; und dies (im Sinn des Wortes) derart selbstverständlich, dass Ihnen kaum bewusst wird, dass es nicht einfach da ist, sondern auf höchst komplexe Weise von Ihren Nerven- und sonstigen Steuerungssystemen laufend abgesondert wird.
Was diese Subjektivität ausmacht, ist nicht einfach die Steuerung von Entscheidungen, Handlungen, Körperbewegungen, sondern zusätzlich die Ausdifferenzierung eines Ichs mit dem Effekt, dies alles als eigene Entscheidungen, eigene Handlungen, Bewegungen des eigenen Körpers zu empfinden. Je leistungsfähiger dieses Ich im Lauf der Evolution wurde, je raffinierter es Wissen in Zukunftspläne umsetzte, je genialer seine technischen Erfindungen wurden, desto besser erging es dem von ihm als eigen gefühlten Körper. So profitieren Sie heute davon, dass es eine Instanz gibt, die Ihren Körper aufmerksam, geschickt, vorausschauend, sicher an den Klippen dieser Welt vorbeisteuert.

In einschlägigen Fachgebieten – etwa der Evolutionsbiologie, Anthropologie, Kognitionswissenschaft, Soziologie – ist man sich einig, dass Bewusstsein im Sinn subjektiv konnotierter Wahrnehmung nicht schon immer da war und nur darauf gewartet hätte, bis sich ein genügend entwickeltes Gehirn finden würde, es aufzunehmen; so, wie wenn ein definiertes Software-Konzept nur noch darauf wartet, bis der dafür notwendige Quanten-Computer konstruiert ist. Bewusstsein entstand vielmehr dadurch, dass ein Nerven- und Steuerungssystem aufgrund spontaner Mutationen Bewusstsein zur Entstehung brachte, als neues Phänomen «auftauchen» liess und, soweit es sich für den damit ausgestatteten Organismus bewährte, aufrecht hielt.
So wie sich optische, akustische, haptische oder andere Wahrnehmungsorgane darin bewähren, die Umwelt nicht erst dann zu erfahren, wenn man mit ihr kollidiert, so bewährt sich subjektives Bewusstsein mit einer geradezu genial funktionierenden Aussenstation, sozusagen einem Hochsitz, von dem aus sich ein weiter und damit reflektierender Blick auf den eigenen Organismus und dessen weiteren Kontext eröffnet. Solch spektakuläre Fähigkeiten setzen entsprechend leistungsstarke Hardware voraus. Die Grosshirnrinde des Homo sapiens ist ein besonders bemerkenswertes Beispiel. Sie ist nicht etwa der Sitz des Ich-Bewusstseins, aber sie verarbeitet aufgenommene Informationen derart virtuos, dass daraus dieses sehr spezielle Gefühl von Subjektivität aufkommt.
Subjektivität lässt sich also nicht mit Händen greifen, sondern rein subjektiv fühlen, doch ändert dies nichts an seiner Wirklichkeit; Wirklichkeit im Sinn des Wortes – und wie es wirkt! Es macht den Menschen zum Menschen, nicht nur für sich selbst, sondern auch im gesellschaftlichen und nicht zuletzt rechtlichen Kontext.

Eigentum als individuelle Abgrenzung

Was evolutionsbiologisch die Emergenz von Subjektivität auslöst, soziologisch die Beschaffung eines fürsorglichen Paten bewirkt, bedeutet rechtlich, dass der Körper des Menschen jeweils ihm allein gehört. Dies nicht so sehr, weil das Eigentum am eigenen Körper gerecht, zweckmässig oder effizient ist (das zwar alles auch), sondern vor allem, weil…

von Prof. Dr. iur. David Dürr

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