Plädoyer für eine Entmilitarisierung der Sprache
In ihrem neuen Buch zeigt die Mentaltrainerin Saskia Baisch-Zimmer, dass Kriegsvokabeln die Alltagskommunikation dominieren. Durch eine bewusste Sprachverwendung lässt sich das ändern.
«Argumente ins Feld führen», «sich auf etwas einschiessen», «sich durchkämpfen», «Deutungskämpfe ausfechten»: Solche und andere Redewendungen kommen in der Alltagskommunikation sehr häufig vor. Den meisten fällt jedoch nicht auf, dass sie semantisch aus dem Bereich des Militärs stammen. Die deutsche Sprache sei voller Vokabeln, die sich auf Gewalt, Foltermethoden und Krieg bezögen, sagt die Mentaltrainerin Saskia Baisch-Zimmer. In ihrem neuen Buch regt sie daher zu einer Entmilitarisierung an. «Beenden wir den Krieg in der Sprache!», lautet der Titel, mit dem die Autorin quasi performativ demonstriert, wie eine Formulierung abgerüstet werden kann, ohne dass auch die Botschaft verloren geht. Obwohl es sich um einen Imperativ handelt, kommt er als freundliche Anregung daher und nimmt die Leser an die Hand.
Sprache und Gedanken wirken sich auf Gefühlswelt und Charisma aus. Man kann sich mit ihnen selbst belasten oder glücklich machen. Aber nicht nur das: Mit dem, was die Menschen sagen, zeigen sie anderen, was sie im Inneren denken oder zu denken vorgeben. Baisch-Zimmer weiss von der Kraft der Worte und deren Wirkung, weshalb sie sich im Buch zunächst Zeit nimmt, diese mentalen Mechanismen zu erläutern. Die Harmonie mit sich selbst sei die Grundlage für eine gute Eintracht mit anderen Menschen und damit der Grundstein für äusseren Frieden, schreibt sie: «Um Frieden in der Welt zu schaffen, bedarf es immer auch des Friedens in sich selbst.»
Veränderung durch mentales Training
Denken, Fühlen und Reden beeinflussen sich also gegenseitig und zeitigen je nach Inhalt entsprechende Effekte. Von dieser Prämisse geht die Autorin aus, um im nächsten Schritt herauszuarbeiten, dass sich dieses Wissen zu «unserem Wohlbefinden» nutzen lässt. Daher schlägt sie einige mentale Techniken vor, solche wie Visualisierung, «individuelle Affirmation» oder eben die Entmilitarisierung der Sprache. Dass diese geradezu voll ist von fragwürdigen Vokabeln und Redewendungen, beweist Baisch-Zimmer im zweiten Drittel des Buches. Sie führt jede Menge Beispiele an, wobei Formulierungen aus dem Wirtschaftsbereich hervorstechen: «Die XY-Kollegen sind die Speerspitze der vertrieblichen Leistung», lautet eine beliebte Floskel. Ebenfalls oft sind Sätze zu hören wie «Falls dieser Plan bei euch einschlägt, setzen wir ihn um.» Oder: «Ich pushe den Vertragstyp XY, er ist eine Waffe im Wettbewerb um den wichtigsten Auftrag in diesem Jahr.»
Daneben finden sich Redewendungen, die Baisch-Zimmer um bestimmte Vokabeln gruppiert, um «Schiessen» etwa oder das «Bombardieren». Eine besondere Beachtung bekommt das Wort «kriegen». Es nehme eine ganz aussergewöhnliche präsente Position ein, schreibt die Autorin und begründet dies damit, dass es umgangssprachlich von etlichen Menschen geradezu inflationär für Wörter wie «bekommen», «erlangen», «erreichen», «empfangen» oder «erhalten» verwendet werde. Dabei sollte die Auseinandersetzung mit der Wortherkunft stutzig machen, wie sie anschliessend erläutert: «Die Etymologie bestätigt, dass sich das Verb ‹kriegen› von ‹Krieg› ableitet und veraltet für ‹Krieg führen› steht. Althochdeutsch wurde ‹Krieg› ursprünglich für Beharrlichkeit und Hartnäckigkeit eingesetzt, mittelhochdeutsch dann für eine ‹Anstrengung› oder ‹bewaffnete Auseinandersetzung› verwendet.»
Bei Möglichkeit ersetzen
Allerdings ist Baisch-Zimmers Appell nicht als Aufforderung zu verstehen, jenes Vokabular grundsätzlich zu streichen. Wenn über die Sache geredet wird, über die Wehrdienstreform etwa oder die politisch motivierte Aufrüstung, dann sollten sie weiterhin Verwendung finden. Dort sind sie angebracht. Die Autorin will lediglich dafür sensibilisieren, dass militärische Begriffe in anderen Kontexten leicht ersetzt werden können. Auch dafür liefert sie Beispiele: Aus «Ich kriege das hin» lässt sich schnell ein «Ich schaffe das» machen. Anstatt «Ich habe einen Anschlag auf dich vor!» kann man auch sagen: «Darf ich dich um etwas bitten?». Möglichkeiten gibt es genug.
Baisch-Zimmer erinnert in diesem Zusammenhang an die Wirkungsweise des Unterbewusstseins: «Es verarbeitet und kombiniert Informationen in einer rasanten Geschwindigkeit und ist dem bewussten Verstand weit überlegen.» Wer sich also in der Auswahl sprachlicher Mittel trainiert, füttert in entsprechender Weise das Unterbewusstsein. Auch wenn entmilitarisierte Ausdrücke unbewusst bleiben, heisst es in dem Buch, «wirken sie im Verborgenen. Sie wecken Gefühle, beeinflussen das weitere Denken, das Handeln, die eigene Entwicklung und die Leistungsfähigkeit.»
So eingängig und verständlich wie hier geschildert präsentiert sich das ganze Buch. In eleganten Formulierungen führt die Autorin durch Abwege und Möglichkeiten der Sprache, übt aber auch Kritik am Zeitgeist, beispielsweise dann, wenn sie auf heutige Trends im Fernsehen eingeht. Baisch-Zimmer stört sich daran, dass die Programme von Thrillern und Krimis dominiert werden. Ebenso missfällt ihr der alte Brauch im Unterricht, die Kinder mit dem Buchstabenspiel «Galgenmännchen» zu bespassen.
Intertextuelle Bezüge
Auch in diesen Bereichen plädiert sie für Lösungen, die ohne Gewaltdarstellung auskommen. Inspiriert ist dieser Ansatz grösstenteils von der Kommunikationstheorie des US-amerikanischen Psychologen Marshall B. Rosenberg und der Lektüre Mechthild R. von Scheurl-Defersdorfs, die in mehreren Büchern dargelegt hat, worin die Kraft bewusster Sprache liegt. Doch das sind nicht die einzigen intertextuellen Bezüge. Jedem Kapitel ist ein Zitat vorangestellt, das aus der Feder berühmter Geistesgrössen stammt. Das wohl schönste geht auf den römischen Kaiser und Philosophen Mark Aurel zurück: «Das Glück deines Lebens hängt von der Beschaffenheit deiner Gedanken ab.»
Das Zitat bringt die Essenz von Baisch-Zimmers Ratgeber auf den Punkt. Ihr Buch erscheint zu einem Zeitpunkt gesteigerter Aufrüstung, nicht nur in den Produktionshallen diverser Rüstungsunternehmen, sondern auch in der politischen Rhetorik. Das könnte verheerende Folgen haben. Europa war noch nie so nah an einem Dritten Weltkrieg wie momentan. Es liegt an den Bürgern, ihn zu verhindern. Die Sprache ist das Werkzeug, mit dem das gelingt. Beginnen könnte man mit einem «Nein», so wie es Wolfgang Borchert in seinem manifestartigen Text «Dann gibt es nur eins!» nahegelegt hat: «Du. Dichter in deiner Stube. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst keine Liebeslieder, du sollst Hasslieder singen, dann gibt es nur eins: Sag NEIN.» Derartige Ansprachen wiederholen sich mehrere Male. Die Botschaft ist klar: Borchert fordert die Mitmenschen auf, die Teilnahme an künftigen Kriegen zu vermeiden. Seinen Text hat Baisch-Zimmer ans Ende ihres Buches gestellt, um zu verdeutlichen, dass Sprache tatsächlich die Welt verändern kann. Man muss das nur wollen.
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Saskia Baisch-Zimmers Buch «Beenden wir den Krieg in der Sprache!» (2025, 84 Seiten, Massel Verlag) können Sie hier bestellen.
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